Einer wie du

Veröffentlicht am
Einer wie du

21.02.2018
Ich bete, dass das Arschloch heute nicht da ist. Aber warum sollte er auch nur einen Tag verpassen, an dem er mich nicht quälen kann. Ich muss 8 Stunden durchhalten. 480 Minuten. 28800 Sekunden. Dann kann ich wieder nach Hause. Die Decke über den Kopf ziehen und schlafen. Ich will nicht aufstehen. Vor einem Monat, als das Arschloch Grippe hatte, ging es mir richtig gut. Zwei Wochen lang war Ruhe. Kein Stress, keine dummen Sprüche, keine ausgekippte Tasche, kein Essen im Müll, keine Schläge. Sogar Tom hat mich in Ruhe gelassen. Ohne ihren Anführer sind die Lemminge stumm. Haben mich noch nicht mal beachtet. Kaum war Steffen wieder da, ging alles von vorne los. Warum ist er nicht einfach krepiert?

Warum glaube ich immer noch, dass sie aufhören, mich zu ärgern? Warum bin ich nur so verdammt blöd? Heute bin ich kurz vor dem Müller in die Klasse, damit ich mit den Idioten nicht allein bin. Ich hasse ihn. Müller weiß ganz genau, was abgeht und macht gar nichts. Meinte, die Schikanen seien nicht mehr als dumme Jungenstreiche, die in Schulen immer und überall stattfinden. Ich glaube, er freut sich, dass ich fertig gemacht werde. Am liebsten würde ich ihm sein dämliches Grinsen aus der Fresse schlagen. Hab dann wieder die ganze Pause auf dem Klo verbracht. Warum hab ich damals ich nur meinen iPod auf dem Tisch liegen gelassen? Das ist jetzt fast ein Jahr her und ich verfluche den Tag. Würde ihn am liebsten aus meinem Leben streichen. Ich weiß, One Direction ist out. Und Jungs hören die schon lange nicht. Aber ich mag die Songs. Sie helfen mir. Ohne die Musik wäre ich längst tot. Dabei hab ich noch tausend andere Lieder auf der Playlist, aber natürlich lief genau ein Song von denen, als das Arschloch ihn geklaut hat.
Sie sollen mich einfach in Ruhe lassen. Ich will nur mein altes Leben zurück. Einzelgänger war ich von Anfang an. Ich schwamm in der Klasse mit wie ein Fisch in seinem Schwarm. Ziemlich am Ende, aber noch dabei. Der Schwarm hat mich ausgestoßen und schwimmt einfach weiter. Ich kann doch nichts dafür, dass ich mir den Stoff gut merken kann und nichts vergesse. Ich bin nicht so verdammt cool wie die anderen. Und die Mädchen stehen auch nicht auf mich. Aber ist das ein Grund mich fertigzumachen? Ich will keiner mehr von ihnen sein. Ich will ein Vogel sein und wegfliegen. Was für ein Geschenk, so frei zu sein. Die Flügel ausbreiten und einfach davonfliegen. Immer der Sonne entgegen.

Heute kam ein Neuer in unsere Klasse. Ich hatte kurz Hoffnung, dass er Steffens neues Opfer werden könnte. Und mich dafür in Ruhe lassen würde. Früher hätte ich nie so gedacht. Hätte nie jemandem so was gewünscht. Jetzt bin ich verbittert. Ein Schwächling. Kann mich selbst nicht mehr ertragen. Aber mein Wunsch wurde nicht erfüllt. Milan ist groß, schlank und sportlich. Trägt Nike-Pulli und Sneakers. Typ Klassensprecher, Fußballer, Mädchenschwarm. Er wird sich mit Steffen anfreunden. Der hat ihn schon die ganze Zeit angeglotzt und Sara, die Beautyqueen fast gesabbert. Vielleicht wird es sogar noch schlimmer für mich.

23.02.2018
Letze Nacht habe ich wieder von Steffen geträumt. Es ist immer derselbe Traum. Er jagt mich mit blutunterlaufenden Augen und Schaum vorm Mund über ein riesiges Feld. Ich renne um mein Leben, komme aber keinen Millimeter weit. Kurz bevor er mich packt, wache ich schweißgebadet auf. Ich bin so müde. Müde von der Schule, müde von den Leuten, müde von allem. Ich will einfach nur noch schlafen. Wie lange geht das noch so weiter? Ich muss noch zwei Jahre auf diese scheiß Schule gehen. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft dazu habe. Früher fiel mir alles so leicht, jetzt kann ich mich kaum noch konzentrieren. Jedes Flüstern, jedes Lachen, jedes Rascheln bedeutet Gefahr für mich. Bin ich schon schizophren? Warum hilft mir denn keiner? Nur spöttische Blicke von allen Seiten. Hilfloses Schulterzucken meiner Mutter. Ich soll Papa um Rat fragen. Als wenn der sich dafür interessieren würde. Kann diese Frau auch irgendetwas allein entscheiden? Wut rast durch meinen Körper. Ich könnte alle abknallen. Steffen, Müller, meine Eltern. Einen nach dem anderen.
Heute haben wir Sport. Das ist das Schlimmste. Mit den Monstern in einer Umkleidekabine. Letztes Mal haben sie meine Klamotten in die Dusche geschmissen und den Hand aufgedreht. Ich werde sie heute irgendwo verstecken. Nicht am Sport teilnehmen ist schlimmer, als mitzumachen. Sie wissen, warum ich schwänze und dann kriege es später doppelt wieder.

 

„Hey, wohin so schnell?“ Obwohl ich so schnell wie möglich in die Pause stürme, holen Steffen und Tom mich mit wenigen Schritten vor den Toiletten ein und versperren mir den Weg.
„Lasst mich in Ruhe.“ Ich versuche, an ihnen vorbeizukommen, aber Steffen schubst mich ins Jungenklo.

„Was wollt ihr? Lasst mich endlich in Ruhe!“ Meine Stimme zittert. Ich spüre, dass sie irgendwas vorhaben.
„Wir wollen ein bisschen Party machen. Mach mal deine Lieblingsmukke an.“ Steffen grinst übers ganze Gesicht und zieht blitzschnell den iPod aus meiner Jackentasche.
„Lass das. Hör endlich auf damit.“ Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und reiße ihm den Player aus der Hand.
„Ganz schön frech, der Kleine. Zickt rum wie ein Mädchen.“
„Vielleicht ist er ja eins.“ Tom grinst und fasst sich in den Schritt. „Lass uns doch mal gucken.“ Ruckartig zieht er meine Arme nach hinten. Ich schreie vor Schmerz auf.
Steffen jauchzt vor Vergnügen und fummelt an meinem Hosenstall herum. Ich versuche verzweifelt, ihn zu treten und mich aus Toms Umklammerung zu lösen, aber ich habe keine Chance. Die beiden sind viel stärker. Meinen Reißverschluss hat er schon geöffnet und will mir grade die Hose runterziehen, als die Tür aufgeht. Milan. Der Neue. Ich bin erledigt.
„Hey, was soll das? Lasst ihn los!“ Steffen und Tom lassen erstaunt von mir ab.
„Chill mal, war doch nur ein Spaß.“ Steffen hebt beide Hände und grinst feist.
„Ja, sicher. Verpiss dich Arschloch oder es knallt.“ Milan spricht mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldet.

“Glück gehabt, du Pussy.” Steffen sieht mich hasserfüllt an und rotzt vor meine Füße. Dann hauen sie endlich ab.

“Danke.” Schnell ziehe ich meine Hose wieder hoch.

„Gern geschehen. Bist du ok?” Ich nicke, kann ihm aber nicht in die Augen sehen.

“Wie lange geht das schon so?”

“Fast ein Jahr“, flüstere ich und fange an zu heulen.

„Komm, lass uns verschwinden.“ Zitternd folge ich Milan wie ein Schaf Richtung Mensa. Die Pause ist mittlerweile zu Ende und wir sind ungestört.

„Warum machen die das?“ Milan schaut mich fragend an.

Das hat mich schon lange keiner mehr gefragt. Es tut so gut, dass sich jemand für mich interessiert. Jemand, der mich und meine Geschichte noch nicht kennt. Und so erzähle ich ihm alles. Dass ich damals eine Klasse übersprungen habe, dass ich von Anfang an der Streber war und die anderen mich nie richtig akzeptiert haben. Ich erzähle ihm auch von der Geschichte mit dem iPod.
„Ok, One Direction ist wirklich scheiße, aber noch lange kein Grund dich fertigzumachen.“ Milan lacht und ich muss trotz allem auch lachen.
„Woher wusstest du, was sie vorhatten?“
„Ich hab beim Sport mitbekommen, dass sie irgendwas planen. Da bin ich euch hinterhergegangen.“
„Aber warum? Du kennst mich doch gar nicht.“

„Ist doch egal.“ Milan zuckt mit den Schultern. „Ich kenn aber solche Typen wie Steffen. Hier in der Kleinstadt ist er der Held, aber da wo ich herkomme, würde ihn niemand mit dem Arsch angucken. Da wäre er nur einer von vielen. Ich wurde auch mal von genau so einem kleinen Wichser fertiggemacht. Ist zwar schon ein paar Jahre her, aber vergessen habe ich das noch lange nicht.“
„DU wurdest fertiggemacht?“
„Ja. Ich sah nicht immer so aus wie jetzt. Als ich zehn war, war ich pummelig und total unsportlich. Meine Eltern hatten sich getrennt und ich hab den ganzen Tag nur gefuttert und gezockt. Da war so ein Typ in der Schule, der hat mich jeden Tag fertiggemacht. Hat fette Sau, Mastschwein, Pottwal hinter mir hergerufen. Zum Schluss hat mich die ganze Schule so genannt.“
„Wann hat das aufgehört?“
„Ich konnte irgendwann nicht mehr. Nach einem halbem Jahr wollte ich von ner Brücke springen, Tabletten schlucken oder mir eine Kugel in den Kopf jagen. Ich dachte, dann hätte ich endlich Ruhe und es würde eh keinen kümmern, ob ich am Leben bin oder nicht. Meine Eltern haben endlich gemerkt, dass es mir nicht gut ging, haben ihren Krieg beendet und sich um mich gekümmert. Ich habe die Schule gewechselt, Sport gemacht und meine Ernährung umgestellt.“
Wir schweigen eine Weile. Ich spüre, dass ihn die Geschichte noch sehr beschäftigt.
„Hast du mal mit dem Vertrauenslehrer gesprochen?”, fragt er mich.
„Nur mit dem Müller. Aber das hat nichts gebracht. Der kann mich eh nicht leiden. Und die Lehrer sind doch alle gleich.”
„Wenn du willst, dass das aufhört, musst du dich wehren.“
„Wie denn? Sie werden nie aufhören.“
„Du musst sie mit ihren eigenen Waffen schlagen.“
„Und wie soll das gehen?“
„Ich lass mir was einfallen. Vertraust du mir?“ Milan reicht mir die Hand.
Kann ich überhaupt noch irgendjemandem vertrauen? Ich kann immer noch nicht glauben, dass jemand wie Milan mir helfen will. Aber habe ich eine andere Wahl?
„Ok“, sage ich und schlage ein.

Zwei Wochen später fängt er mich vor der Schule ab und drückt mir ein T-Shirt in die Hand. #stopbullying #machmit!  steht in roter Schrift auf schwarzem Stoff.
„Hast du die gemacht?“
„Ja, zusammen mit Lars von der Schülervertretung. Gibts auch in weiß.” Milan sieht mich stolz an. “Die verteilen wir heute in der großen Pause. Flyer haben wir auch. Bist du dabei?“
„Ich weiß nicht. Ich mein, das ist ja echt cool von euch und so, aber ist das nicht ein bisschen viel?“ Ich bekomme Angst vor dem Ausmaß dieser Aktion.
„Wenn du was ändern willst, musst du es groß machen. Bis jetzt hat dir kein Mensch geholfen. Alle haben weggeschaut oder es vielleicht auch nicht gewusst. Oder interessiert. Ich glaube, du bist nicht der Einzige, der hier gemobbt wird. Es wird Zeit, dass die Leute aufwachen. Und die Lehrer auch.“
„Warum machst du das?“
„Weil ich weiß, wie schlimm Mobhbing ist. Ich hab’s doch selbst erlebt. Ich kann es nicht ertragen, wenn Leute wegsehen. Mir haben damals meine Eltern geholfen. Aber das Glück hat nicht jeder.“
„Danke, dass du das für mich tust.” Ich versuche, den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken.
„Schon gut.“ Milan klopft mir verlegen auf die Schulter. „Ich mache das nicht nur für dich, ok? Wir machen das für alle, denen das passiert ist.“
Ich nicke und wische mir die Tränen aus den Augen.

09.03.2018

Die Aktion heute war echt krass! Ich bin immer noch total aufgeregt! Fast alle haben ein T-Shirt genommen und es auch gleich angezogen. Ich hatte echt Schiss, dass die Aktion nicht gut ankommt oder keiner die Shirts haben will. Aber Milan und Lars waren super. Haben einfach jedem eins in die Hand gedrückt und was dazu gesagt. Erst habe ich mich nicht getraut, aber dann habe ich mitgemacht. Herr Matthies, der Vertrauensleher, hat uns beim Verteilen geholfen und anschließend mit mir gesprochen. Er ist echt ganz in Ordnung. Ich glaube, ich kann ihm vertrauen. Steffen und Tom habe ich nicht gesehen.  Aber einige aus meiner Klasse haben sich bei mir entschuldigt und gesagt, dass es ihnen leid tut, dass sie einfach weggesehen und mitgemacht haben. Ich weiß nicht, ob ich ihnen so schnell verzeihen kann, aber ich kann verstehen, das sie Angst hatten, Steffens nächstes Opfer zu werden. Ich hoffe, das er mich jetzt endlich in Ruhe lässt. Das fühlt sich noch unwirklich an. Ist meine Tortur jetzt zuende? Bekomme ich mein Leben zurück? Ich hoffe es so sehr. Und falls nicht, bin jetzt nicht mehr allein. Eins weiß ich: Es wird nie wieder so schlimm, wie es war.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

No comments yet, be the first to leave one!

Ich freue mich über eine Nachricht, einen Kommentar oder konstruktive Kritik von dir!

Note: Comments on the web site reflect the views of their respective authors, and not necessarily the views of this web portal. Members are requested to refrain from insults, swearing and vulgar expression. We reserve the right to delete any comment without notice or explanations.

Your email address will not be published. Required fields are signed with *

*
*