Albaching

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Albaching

Nie werde ich das Gesicht meiner Mutter vergessen, als sich der der Zug in Bewegung setzte. Aufrecht stand sie neben meinem Vater, doch als die Pfeife des Schaffners die Abfahrt einläutete, sackte sie zusammen und musste von ihm gestützt werden. In diesem Moment war mir klar, dass die angeordnete Kinderlandverschickung keinesfalls zur Erholung, sondern uns in Sicherheit zu bringen. Der Krieg war nicht zu Ende, er sollte in meinem geliebtem Hamburg erst beginnen.
„Du hast Glück, Lieselotte“, hatte meine Mutter gesagt, als sie mit Tränen in den Augen unsere Koffer packte. „Ihr könnt zu Tante Ursel und Onkel Ludwig nach Bayern. Viele Kinder müssen in ein Heim, wo sie niemanden kennen und niemanden haben.“
Die Zugfahrt erschien mir unerträglich. Greta saß die ganze Zeit auf meinem Schoß und weinte, bis sie vor Erschöpfung einschlief.
„Du musst stark sein, du bist die Große!“ Mamas Stimme hallte in meinem Kopf und ich drückte meien Schwester fest an mich. Nach einer endlosen Fahrt und unzähligen Zwischenstopps, in denen Kinder ein- und ausstiegen, hielt der Zug in München. Ich hatte keine Ahnung, wie ich meine Tante und meinen Onkel in dem Gewühl finden sollte. Also hielt ich Greta einfach an der Hand und plötzlich standen sie vor uns. Meine Tante umarmte mich so fest, dass mir fast die Luft wegblieb.

Fast zwei Monate lebten wir nun schon in Albaching. Wir hatten uns gut eingelebt, was sicherlich an meiner Tante lag. Sie tat alles, um uns eine gute Zeit zu bereiten. Sie hatte soviel Ähnlichkeit mit meiner Mutter, was einerseits schön war, aber gleichzeitig auch so schrecklich wehtat, weil sie mich jeden Tag an sie erinnerte. Greta vermisste unsere Eltern auch sehr, weinte aber nur noch nachts, wenn sie in mein Bett krabbelte. Tagsüber war sie abgelenkt und tobte mit unserem Vetter Kurt über die Wiesen und durch den Kuhstall. Ich verbrachte viel Zeit mit Ursel und dem Stallburschen Hans. Hans war unheimlich süß, er war 16 Jahre und hatte die schönsten blauen Augen, die ich je gesehen hatte. Ich konnte ihm stundenlang beim Melken oder Stall ausmisten zusehen, nie wurde mir langweilig. Natürlich duldete er nicht, dass ich tatenlos da saß und spannte mich in die Hofarbeit mit ein, bei der wir trotz der Anstrengung immer viel lachten und plauderten.

Der 24. Juli 1943, mein 14. Geburtstag, war ein heißer, strahlend blauer Sommertag. Ursel hatte sich alle Mühe gegeben, meinen ersten Geburtstag, den ich ohne meine Eltern verbringen musste, so schön wie möglich zu gestalten. Aber als ich den gebackenen Kuchen und die Blumen auf dem Küchentisch sah, musste ich weinen.
„Weißt du was? Heute nach der Stallarbeit machst du dir mit dem Hans einen schönen Tag, gell?“ Sie zwinkerte mir zu. „Ich glaube, er hat eine Überraschung für dich!“
Tatsächlich stand Hans am Nachmittag mit einem frischen Hemd, gekämmten Haaren und einem Korb vor mir.
„Hast du Lust auf ein Picknick?“ Er drückte mich fest und strahlte mit der Sonne um die Wette.
Wir gingen die Berge hinauf, bis wir auf einem Plateau ankamen, wo wir uns auf einem Schattenplatz niederließen. Es war so schön hier, dass es mir fast den Atem raubte. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag auf der Wiese, redeten, lachten, aßen die herrlichen Leckereien aus dem Korb und tranken die frische Limonade.
„Liese, was wünschst du dir für dein neues Lebensjahr?“ Hans ließ sich ins Gras fallen und klopfte auf den Platz neben sich. Etwas schüchtern legte ich mich an seine Seite.
„Ich wünsche mir, dass dieser verdammte Krieg aufhört und ich nach Hause kann.“ Die Worte sprudelten aus meinem Mund und klangen härter, als ich es beabsichtigt hatte.
„Entschuldigung, blöde Frage.“ Hans sah verlegen aus, was mir sofort leid tat.
„Nein, das ist in Ordnung. Hier bei euch ist es so ruhig und friedlich, der Krieg ist soweit weg, dass ich ihn manchmal sogar vergesse. Weißt du, immer wenn in Hamburg die Sirenen gingen und wir im Kellern kauerten, habe ich mir gewünscht, einfach nichts mehr zu fühlen. Die Schreie nicht zu hören, die Angst nicht zu spüren, einfach da zu sein und nichts zu fühlen, bis es vorbei ist.“
„Du bist so tapfer Liese. Aber es gibt mehr als nur Angst, verstehst du? Wenn wir nichts mehr fühlen, sterben wir. Du kannst niemals aufhören zu fühlen.“ Behutsam nahm er mein Gesicht in seine Hände und küsste mich.
Diese Nacht träumte ich zum ersten Mal nicht von meinen Eltern, sondern von Hans und
wachte am nächsten Morgen mit einem Kribbeln im Bauch auf. Das mussten die Schmetterlinge sein, von denen ich schon soviel gehört hatte. Beschwingt lief ich die Treppe zur Küche hinunter.
„Ursel, stell dir vor, ich…“
Onkel Ludwig und Tante Ursel saßen wie versteinert am Küchentisch. Ich wusste, dass etwas Schreckliches passiert sein musste.
„Feueralarm, Bombenangriff, Hamburg brennt“. Ihre Worte drangen wie durch Watte in mein Ohr.
„Was ist mit Mama und Papa? Geht es ihnen gut? Habt ihr was gehört?“
Ludwig starrte auf den Boden. Ursel sah mich mit schreckgeweiteten Augen an und schüttelte stumm den Kopf.

Ich konnte nichts mehr zu fühlen.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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