Alles was zählt

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Alles was zählt

Als die Maschine den Landeanflug auf LAX ansetzt, breitet sich meine Enttäuschung wie ein Fächer aus. Dieses Gefühl wechselt sich seit Wochen mit Wut, Verzweiflung und Ohnmacht ab.
Den Anblick Saschas zuckenden Hinterns zwischen Nadjas gespreizten Beinen werde ich nie wieder aus meinem Kopf bekommen. Er hat mir alles genommen. Mein Vertrauen, meine Würde, meinen Stolz und meine beste Freundin. Ich bin so traurig, dass die beiden mich belogen und betrogen haben, aber ich weigere mich, auch nur eine Träne zuzulassen.
Unseren lang ersehnten Kalifornien-Urlaub wollte ich mir nicht auch noch nehmen lassen. Nachdem ich Saschas Ticket zerrissen und seine Koffer vor die Tür gestellt hatte, wollte ich nur noch weg. Doch Los Angeles sieht von oben so platt und grau aus, wie ich mich fühle.
Am Flughafen hole ich das reservierte Cabriolet ab und mache mich auf den Weg zum Motel. Eigentlich wollte Sascha diesen Part übernehmen, und ich mir auf dem Beifahrersitz den Wind um die Nase wehen lassen. Stattdessen bekomme ich einen Schweißausbruch, als ich mich in den sechsspurigen Highway einreihe, auf dem gerade Rush Hour ist.
Mit durchgeschwitztem T-Shirt und knallrotem Gesicht erreiche ich schließlich mein Motel. Ich bin völlig fertig, habe Hunger und pfeife darauf, den Jetlag auszutricksen. Ich will einfach nur noch schlafen und am liebsten nie mehr aufwachen.

Zwei Tage bin ich nun schon in der Stadt der Engel, die ich fast komatös verschlafen habe. Heute fühle ich mich einigermaßen fit. Los Angeles erscheint mir nicht mehr ganz so trist, die dunklen Wolken sind strahlend blauem Himmel und Sonnenschein gewichen und ich beschließe, an den Venice Beach zu fahren.
Die Atmosphäre nimmt mich sofort in Beschlag. Maler, Musiker und Sportler zeigen ihre Künste. Vor einer Musikerin mache ich halt. Sie singt Diamonds von Rihanna. Unser Lied. Sie singt es mit so viel Gefühl, dass ich einfach stehen bleiben muss. Ehe ich mich versehe, laufen mir Tränen übers Gesicht. Ich stehe an einem der schönsten Strände der Welt und heule wie ein kleines Kind. Ich kann einfach nicht aufhören, es ist, als ob alle Tränen, die ich bisher zurückgehalten habe, aus mir herausströmen.
Als das Lied zu Ende ist, steht sie auf und reicht mir ein Taschentuch.
„Hey, are you fine“?
„Im sorry, yes Im fine. It´s the song, your voice is incredible“, stammle ich im gebrochenen Englisch und schäme mich entsetzlich.
“Hey, du kommst aus Deutschland?“ Sie erkennt meinen Akzent sofort.
„Ja, aus Hamburg. Bist du auch Deutsche?“
„Ja, aber ich lebe schon länger nicht mehr dort. Ich bin Mary“, zwinkert sie.
„Anna“, stelle ich mich vor und reiche ihr die Hand.
„Hast du Lust, mir noch ein wenig zuzuhören? Ein bisschen bin ich noch hier. Aber dann können wir an den Strand gehen und quatschen. Ich freue mich immer, wenn ich mit jemandem aus der Heimat sprechen kann.“ Sie lächelt so herzlich, dass ich nicht widersprechen kann. Auch ich bin froh, mit jemandem reden zu können.

Zwei Stunden später sitzen wir am Strand. Wir haben Kaffee und Donuts gekauft und lassen es uns gut gehen. Mary sieht in ihrem rotem Kleid einfach hinreißend aus.
„Magst du erzählen, was mit dir los ist?“ Sie sieht mich vorsichtig an. „Darf ich ehrlich sein? Du siehst unendlich traurig aus.“
Wie auf Knopfdruck sprudeln die Tränen wieder aus mir heraus und ich beginne zu erzählen. Von Sascha, der mich hintergangen hat, von Nadja, von den Wochen, in denen ich apathisch im Bett lag und wie hypnotisiert auf mein Handy gestarrt habe. Immer in der Hoffnung, ihn online zu sehen. Von den Nächten, in denen ich zu viel Wein getrunken und ihn hundertmal angerufen habe, nur um seine Stimme zu hören. Von meinem Job, den ich widerwillig, aber immer perfekt mache. Von meinem Gefühl, so vieles falsch gemacht und ausgenutzt worden zu sein.
Ich kenne Mary erst seit ein paar Stunden, aber ich erzähle ihr einfach alles. Sie ist eine gute Zuhörerin, unterbricht mich nicht und reicht mir ein Taschentuch nach dem anderen. Als ich nach einer Stunde müde auf ihren Schoß sinke, fühle ich mich wie aufgeschlitzt.
„Ich kann dich so gut verstehen, Anna.“ Mary streichelt meinen Rücken. „Ich weiß, wie es ist, nicht mehr geliebt zu werden. Weißt du, warum ich hier hergezogen bin? Weil ich nicht mehr atmen konnte. Ich habe den ersten Mann, den ich kennenlernte, geheiratet. Ich hatte vorher nie einen Freund gehabt und gedacht, auch keinen anderen zu finden. Also habe ich ihn genommen. Wir haben schnell zwei Kinder bekommen und wohnten in einer katholischen Gegend. Ich habe geglaubt, alles perfekt machen zu müssen. Eine gute Mutter zu sein, eine top Hausfrau, eine geduldige Gesprächspartnerin und sexy Geliebte für meinen Mann. Aber das war ich nicht, das konnte ich nicht. Ich wusste doch gar nichts vom Leben. Im Grunde meines Herzens wollte ich immer nur Musik machen. Jan hat mir eingeredet, das sei nur Geklimper und singen könnte ich auch nicht, für ihn zählten nur Geld und Erfolg. Ich bin depressiv geworden und konnte mich nicht mehr um meine Jungen kümmern. Ich habe eine Frau kennengelernt, in die ich mich verliebt habe. Sie war mein einziger Halt. Irgendwann habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten und habe meine Familie über Nacht verlassen. Er hat mir das nie verziehen. Und meine Söhne auch nicht. Ich habe in all den Jahren kein Wort mehr mit ihnen gesprochen. Sie fehlen mir schrecklich.“
„Mary, das tut mir leid. Hast du denn versucht, Kontakt mit deinen Jungen aufzunehmen?“
„Natürlich! Ganz oft sogar. Ich habe ihnen geschrieben und auch SMS geschickt, aber es kam nichts zurück. Ich denke, mittlerweile haben sie ihre Nummern geändert oder neue Handys bekommen.“ Sie wischt sich eine Träne aus den Augen. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Ich vermisse sie so sehr. Ich vermute, dass mein Ex ihnen nichts Gutes über mich erzählt hat und ich will sie auch nicht drängen, verstehst du? Sie haben allen Grund, sauer auf mich zu sein. Vielleicht hassen sie mich sogar.“
„Aber du konntest nicht anders, das hast du selbst gesagt. Hättest du eine andere Möglichkeit gesehen, wärst du geblieben. Ich glaube ganz sicher, sie würden dich jetzt verstehen. Wie lange bist du jetzt schon hier?“
„Drei Jahre.“ So zusammengesunken wie sie da sitzt, erinnert sie mich an einen kleinen, verlorenen Vogel.
„Wie alt sind deine Söhne jetzt?“
„16 und 12“, flüstert sie.
Die Sonne über dem Pazifik geht unter, ein leichter Wind weht über unsere Haut. Wir kuscheln uns zusammen in die Decke, auf der wir bis jetzt saßen und starren auf den blutroten Horizont. Es ist verrückt. Ich kenne diese Frau erst seit ein paar Stunden, aber habe das Gefühl, sie schon ewig zu kennen.
„Was ist mit dir? Hast du Kinder?“
„Nein, Sascha hat mich immer erfolgreich hingehalten. Und nun bin ich fast 40. Ich wollte nie eine alte Mutter sein. Irgendwie hoffe ich, dass er Nadja geschwängert hat. Am besten mit Drillingen.“
Mary lacht laut auf. „Was meinst du, wie schnell die Erotik dann flöten geht. Volle Windeln, durchwachte Nächte, schreien rund um die Uhr, tropfende Brüste – ein wahrer Traum!“
Jetzt muss auch ich lachen. Wir können gar nicht mehr aufhören und halten uns die Bäuche. Es ist so befreiend. Wir lachen, bis die Sonne hinter dem Ozean verschwindet.

Ich verbringe die nächsten Tage mit Mary und ziehe bereits nach zwei Tagen in ihre kleine Wohnung. Tagsüber kellnert sie in einem Diner, abends singt sie am Strand. Fast immer setze ich mich dazu und lausche ihrer Stimme. Ich liebe, wie Mary ihre blonden Locken über die Schultern wirft und ihr strahlendes Lachen in ihrem gebräunten Gesicht. Fast alle Leute, die an ihr vorbeigehen, bleiben stehen. Mary zieht Menschen auf natürliche Weise in ihren Bann. Man kann sie einfach nur lieben. Am Abend lade ich sie in ein Restaurant ein. Mary besteht darauf, dass ich umsonst bei ihr wohne und ich möchte mich revanchieren. Wir sitzen wieder am Venice Beach, essen Steak und trinken kalifornischen Rotwein.
Wir reden und lachen, bis das Lokal schließt und wir höflich herausgebeten werden. Arm in Arm laufen wir am Strand entlang bis zu ihrer Wohnung.
„Danke für den schönen Abend. Ich hab jede Sekunde genossen.“ Ich sehe Mary tief in die Augen. Es kribbelt in meinem ganzen Körper, ich kann den Blick nicht von ihrem lösen.
„Du bist wunderschön“, flüstert sie und ehe ich mich versehe, berühren ihre Lippen meine. Marys Zunge spielt mit meiner und ich bin willenlos. Eine Feuersalve durchfährt meinen Körper. Mir wird schwindelig, als ihre Hände meine Brüste berühren. Was tue ich hier? Mary führt mich auf ihr Bett und zieht mit geübtem Griff meinen Slip aus.
„Entspann dich“, flüstert sie und versinkt zwischen meinen Beinen. Ich schließe die Augen und stöhne leise. Zärtlich legt sie sich neben mich und streichelt meinen Körper. Alles dreht sich. Ihre Hand wandert von meinem Busen, über den Bauch zu meinen Schoß. Dann ich spüre ihre Finger in mir. Erst sanft, dann immer schneller. Ich bäume mich auf und erlebe eine explosive, nie da gewesene Erleichterung.

Am nächsten Morgen dröhnt wache ich mit Kopfschmerzen auf. Sofort schießt mir die gestrige Nacht durch den Kopf. Wie konnte das passieren? Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen. So leise wie möglich stehe ich auf und schleiche mich ins Bad.
„Hey, guten Morgen, bekomme ich keinen Kuss?“ Mary sieht auch kurz nach dem Aufwachen wunderschön aus. Ich schäme mich plötzlich, nackt und schutzlos vor ihr zu stehen. Gestern, umhüllt von der Dunkelheit und berauscht vom Wein, war das etwas anderes. Ich greife nach der Bettdecke.
„Guten Morgen.“ Ich setze mich auf die Bettkante. „Hast du gut geschlafen?“
„Sehr gut sogar“ Mary lächelt und umarmt mich. „Ist alles gut?“
„Ja, ich bin nur…ich weiß nicht…was ist da gestern passiert?“
„Wir hatten Sex. Und sogar guten.“ Mary lacht und küsst meinen Nacken.
„Aber ich bin doch nicht lesbisch“, sprudelt es aus mir heraus.
„Ist das wichtig?“ Sie sieht mich fragend an. „Wir mögen uns und hatten einen wunderschönen Abend, der traumhaft geendet ist. Das ist das Einzige was zählt.“
„Aber, wie geht es denn weiter mit uns?“
„Das wird sich zeigen. Ich weiß, du bist nicht lesbisch, oder du wusstest bis jetzt nichts davon. Das ist in Ordnung, ich zwinge dich zu nichts. Ich mag dich wirklich sehr und fühle mich so geborgen bei dir. Lass uns das jetzt nicht zerreden.“ Sie nimmt mich in den Arm und küsst mich.

Die letzten drei Tage meines Urlaubs brechen an. Mary hat sich im Diner freigenommen und wir verbringen eine wunderschöne Zeit miteinander. Mit dem Mietwagen fahren wir Richtung San Francisco bis zum Big Sur. Die Natur und die Kraft des Pazifiks sind atemberaubend.
Am Abreisetag bin ich unendlich traurig, meine neue Freundin und dieses tolle Land zu verlassen. Ich weiß, zu Hause wird es mir schwer fallen, ohne ihre positive Energie und Lebenslust klarzukommen. Auch Mary ist traurig. Am Flughafen nimmt sie mich lange in den Arm.
„Wir sehen uns wieder, Anna. Ganz bestimmt! Vielleicht komme ich das nächste Mal zu dir!“
„Bist du verrückt? Ich komme natürlich wieder! Hamburg ist ein Witz gegen L.A! Außerdem regnet es dort nur.“ Ich lache gequält.
„Sei nicht traurig. Du müsstest Sascha dankbar sein. Ohne ihn hätten wir uns nie kennengelernt und eine so intensive Zeit miteinander gehabt. Wir haben uns gefunden, das ist ein Geschenk! Wenn du zu Hause bist, sag ihm Danke für all die Tränen, die Wut und den Schmerz. Du brauchst ihn nicht. Alles was du brauchst ist in dir. Gib dir Zeit, es wieder zu finden.“
„Was ist mit uns?“
„Ich gebe dir alle Zeit der Welt. Lass deine Wunden heilen und höre tief in dich. Ich weiß, wir sehen uns wieder.“
„Danke für alles Mary. Du bist ein Engel.“ Ich drücke sie, so fest ich kann und dann – küsse ich sie. Vor allen Leuten mitten im Flughafen. Ich fühle mich so frei.

Hamburg empfängt mich wie erwartet mit Dauerregen. Ich vermisse Mary, die Sonne und die Unbeschwertheit Kaliforniens schon jetzt. Als ich meinen Koffer die vier Stockwerke zu meiner Wohnung hochgezerrt habe, sehe ich einen Strauß Rosen vor der Tür. Ich ziehe die Karte aus dem Umschlag.
„Es tut mir so leid. Bitte melde dich, wenn du wieder da bist. Sascha.“ Meinen ersten Impuls, ihn sofort anzurufen unterdrücke ich, denn nach kurzer aufflammender Freude über seine Geste empfinde ich nur Leere. Nach diesen bunten, fröhlichen Wochen kann ich die Stille der Wohnung kaum ertragen.
Zwei Tage habe ich noch frei und plötzlich weiß ich, was ich zu tun habe. Ich werde Marys Söhne finden.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

Erschienen in der Anthologie “Verzaubert – mein Herz schlägt QUEER” im muc Verlag

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