Amok!

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Amok!

Tjard Müller gähnte, als er über den leeren Schulflur ging. Er war mit Sicherheit genauso müde wie die meisten der Schüler an diesem Montagmorgen. Die Wanduhr über dem Lehrerzimmer zeigte 08:10 Uhr. Er mochte die Stimmung, die jeden Tag kurz nach Unterrichtsbeginn einsetzte. Nachdem die jüngeren Kinder aufgeregt schwatzend nach und nach in ihren Klassenräumen verschwunden und die größeren Schüler betont lässig über den Flur geschlendert waren, kehrte spätestens beim Klang der klappernden Absätze der Lehrer angenehme Ruhe ein.

Seufzend hob Tjard ein paar Trinkpacks vom Boden und warf sie in den Mülleimer. Einige Schüler schafften es einfach nicht, ihren Müll in die Tonne zu werfen. Sein Organizer zeigte eine defekte Lampe in der Bücherei.
Pfeifend holte er die Leiter und machte sich an die Arbeit. Die Bücherei bot einen guten Ausblick über den Pausenhof. Das Lehrerzimmer sollte hier sein, dachte er grinsend, dann würde ihnen so manches nicht entgehen. Er kniff die Augen zusammen. Ein Schüler eilte mit strammen Schritten auf den Eingang zu. Wenn er richtig sah, war das Robin Müller aus der Oberstufe. Typisch. Der Bengel konnte einfach nicht pünktlich sein. Tjard hatte ihn schon oft auf den letzten Drücker kommen sehen und von dem was er so mitbekommen hatte, war er auch nicht unbedingt ein Liebling der Lehrer. Robin hatte ihm schon ein paarmal bei seinen Hausmeistertätigkeiten helfen müssen, nachdem er irgendeinen Mist gebaut hatte. Er hatte den Jungen als zurückhaltenden, fast schüchternen Menschen erlebt. Aber anscheinend konnte er auch anders.

Die Lampe benötigte mehr als eine neue Glühbirne, soviel stand fest. Gerade als Tjard von der Leiter steigen wollte um Werkzug zu holen, hörte er den Knall. Er erschrak so sehr, dass er fast von den Stufen fiel. Im nächsten Augenblick ertönte ein weiterer Knall, gefolgt von gellenden Schreien. Tjards Blut gefror in den Adern. Wie in Zeitlupe stieg er von der Leiter. Das konnte nicht wahr sein. Nicht hier, nicht an dieser Schule. Der nächste Schuss fiel. Das kam aus der Klasse nebenan, der 10b! Mit zitternden Händen zog Tjard sein Handy aus der Tasche, aber es glitschte ihm wie Seife aus den Händen. Nach den Attentaten von Erfurt und Winnenden hatte die Schulleitung mit allen besprochen, was zu tun war. Ruhe bewahren, Türen abschließen, verstecken, Polizei rufen. Es klang ganz logisch, aber seine Beine gaben nach und seine Hände zitterten so stark, dass er die Tasten seines Smartphones nicht betätigen könnte. Wieder fielen Schüsse. Zwei. Drei. Vier. Verdammt, er musste etwas tun! Die Tür! Irgendwie gelang es ihm, den Schlüssel ins Schlüsselloch zu stecken und umzudrehen. Er stolperte zum Telefon, stieß dabei panisch Stiftebehälter und Zeitungen vom Tisch und wählte die 110.
„Polizei Notruf.“
„Hier schießt jemand! Im Humboldt Gymnasium! Kommen sie schnell!“
„Bleiben sie ruhig, wir wurden bereits informiert, die Polizei ist unterwegs. Wo sind sie?“
Tjard hörte schwere Schritte auf dem Flur und sah, wie jemand an der Türklinke rüttelte. Sein Herz schlug zum Zerbersten.
„Oh, mein Gott…er kommt…er steht genau vor der Tür!“ Kreidebleich ließ Tjard den Hörer sinken. Er krabbelte unter den Tisch und hielt sich die Hände über den Kopf. Das Rütteln an der Tür verstärkte sich, er hörte Tritte, die gegen die Tür polterten. Tjard zitterte am ganzen Körper. Was wenn er auf das Türschloß schoss? Wie lange würde es halten?
„Sind sie noch da? Hören sie, die Polizei ist jetzt vor Ort. Wir helfen ihnen. Bleiben sie ruhig! Hören sie mich?“ Die Stimme der Dame vom Notruf klang meilenweit entfernt. Dann fiel ein letzter Schuss.

Obwohl ihm die Schulleitung, die Polizei und sein Therapeut bestätigten, er habe genau richtig gehandelt, konnte er die Hilferufe und Schreie der Schüler, die um ihr Leben gebettelt hatten, nicht vergessen. Warum war er nicht rüberlaufen? Vielleicht hätte er mit Robin sprechen, ihn beruhigen oder zu mindestens die Aufmerksamkeit auf sich lenken können.
Er hatte es nicht getan. Er hatte zugelassen, dass Robin nur wenige Meter von ihm entfernt sieben Menschen erschoss, bevor er sich vor der Tür zur Bücherei selbst eine Kugel in den Kopf jagte. Nach Recherchen der Polizei hatte er gezielt die Jungen und Mädchen erschossen, die ihn über Jahre gemobbt und terrorisiert hatten. Ebenso seine Klassenlehrerin, die nichts dazu beigetragen hatte, ihm sein Schulleben zu erleichtern. Wie musste es nur den Opfern in ihren letzten Sekunden ergangen sein? Ganz zu schweigen von denen, die überlebt hatten und alles mit ansehen mussten.

Heute war Tjards 55. Geburtstag. Er ging hinüber in seinen Gartenschuppen, stellte sich auf einen Stuhl und warf das vorbereitete Seil mit der Schlaufe über den dicken Dachbalken. Er würde die Schreie nie wieder hören müssen.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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