Betti ist die Größte

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Betti ist die Größte

„Hey Betti! Hast du deine Brille vergessen?“, lachte Ingo, der kleine Igel, laut.
Betti seufzte. Nur weil sie eine Blindschleiche war, bedeutete das nicht, dass sie nichts sehen konnte. Im Gegenteil, sie konnte sogar sehr gut sehen! Mama hatte ihr erklärt, dass der Name nichts mit ihren Augen, sondern mit ihrer Haut zu tun hatte. Aber das würde Ingo eh nicht verstehen.
Traurig schlängelte Betti davon. Wenn Ingo sie ärgerte war es besser, ihn nicht weiter zu beachten. Plötzlich erstarrte sie. Maxi, der Marder, schlich auf leisen Pfoten und mit blitzenden Augen auf Ingo zu. Das Lachen des Igels verstummte und er rollte sich blitzschnell zu einer Kugel zusammen.
Bettis Herz klopfte laut. Das würde nicht gut ausgehen. Sie musste Ingo helfen! Aber wie? Die kleine Echse hatte selbst große Angst vor Maxi und war viel zu schwach, um etwas gegen ihn ausrichten zu können. Da hatte sie eine Idee! So schnell sie konnte schlängelte Betti zurück zum Bau. Opa hielt gerade seinen Mittagsschlaf, sie musste also ganz leise sein. Erst neulich hatte er im Wald eine Lupe gefunden, die wahrscheinlich ein Kind dort vergessen hatte. Vorsichtig glitt sie an ihrem schnarchenden Opa vorbei und zog die Lupe mit dem Schwanz vom Nachttisch. Wenn es nur nicht schon zu spät war!
Als Betti zurück kam, schnupperte Maxi an Ingos Stacheln und stupste ihn mit seiner Pfote. Der kleine Igel zitterte vor Angst. Betti stellte die Lupe auf die Seite und hielt sie mit dem Schwanzende fest. Wenn ihr Plan funktionierte, müsste Maxi sie durch das Vergrößerungsglas gleich riesengroß sehen. Sie holte tief Luft und fletschte die Zähne.
„Zzzzsssscchhhhhhh…“ Der Marder erschrak so sehr, dass er einen Satz nach hinten machte und schnell wie der Wind zwischen den Tannen verschwand. Es hatte geklappt!
„Ingo, du kannst wieder rauskommen! Er ist weg!“
Vorsichtig lugten zwei kleine Augen und eine Stupsnase aus der Stachelkugel.
„Du hast Maxi vertrieben?“ Ingos Augen weiteten sich vor Erstaunen.

„Natürlich“, sagte Betti stolz.
„Wie hast du das gemacht?“
„Warte, ich zeig es dir.“
Betti holte die Lupe und stellte sie, genau wie eben, vor sich auf. Sie fletschte die Zähne und zischte wieder.
„Du siehst wie eine echte Schlange aus!“ Ingo hüpfte vor Begeisterung auf und ab. „Darf ich auch mal?“
„Na, klar!“ Abwechselnd erschreckten sich die beiden mit wilden Grimassen. Als es dunkel wurde, war es Zeit, sich zu verabschieden.
„Danke, dass du mir geholfen hast Betti. Das war wirklich sehr mutig von dir.“
„Das habe ich gerne getan.“ Die kleine Blindschleiche war etwas verlegen. „Spielen wir morgen wieder zusammen?“
„Natürlich“, sagte Ingo. „Wir sind doch jetzt Freunde!“

Ⓒ Katrin Seliger

Bild: Pexels (Bild im Buch von Marian:-)!)

Erschienen in der Anthologie “Gemeinsam sind wir stark” im Pohlmann Verlag

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