Billy und Amy

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Billy und Amy

„Ich hab deine Kleine. Du hast 3 Stunden. Bist du zu spät, ist sie tot.“

Billy schlug so hart mit der Faust auf den Tisch, dass die Tasse wackelte und der Kaffee über den Zettel schwappte. Jemand hatte Amy entführt! Er hatte doch nur ein Nickerchen gemacht, um seinen gestrigen Rausch auszuschlafen. In dieser kurzen Zeit musste jemand im Haus gewesen sein und sie entführt haben. Eine unglaubliche Wut raste in ihm hoch. Wer wollte ihm eins auswischen? Im Sekundentakt erschienen die möglichen Kandidaten vor seinem inneren Auge. Er hatte eine Menge Feinde, aber dem Einzigen, dem er diese Tat auch wirklich zutraute, war Piet. Der war schon immer scharf auf Amy gewesen und hatte sie ihm nie wirklich gegönnt. Billy schnappte sich die Autoschlüssel. Wenn Piet Krieg wollte, sollte er ihn bekommen.

Eine halbe Stunde später hämmerte er gegen seine Tür.
„He, was soll der Lärm, immer mit der Ruhe!“ Piet öffnete die Tür glotze Billy mit großen Augen an. „Was willst du denn hier?“
„Wo ist sie?“ Billy stürmte in die Wohnung.
„Hey, man! Spinnst du? Was willst du?“
„Das weißt du genau! Wo ist mein Baby?“ Billy packte Piet am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.
„Dein Baby? Du meinst die kleine Schwarze? Keine Ahnung, man!“
„Verarsche mich nicht! Ich weiß, dass sie hier ist!“
„Also, ich finde es ja rührend, wie du dich um dein Schätzchen sorgst, aber ich habe wirklich keine Ahnung, wo sie ist. Wahrscheinlich konnte sie deine Visage nicht mehr sehen und ist abgehauen? Oder sie ist mit einem anderen durchgebrannt?“ Piet grinste breit.
Das reichte. Mit voller Wucht schlug Billy in Piets Magengrube.
„Alter…du spinnst ja! Sie ist nicht hier…verdammt. Guck´doch nach!“ Piet lag jaulend am Boden und schnappte nach Luft.
Genau das tat Billy. Er stellte die ganze Wohnung auf den Kopf und suchte in jedem Winkel nach Amy. Wahrscheinlich hielt das Schwein sie irgendwo gefangen. Aber nachdem er jeden Schrank geöffnet und jeden Raum durchsucht hatte, musste er feststellen, dass Piet nicht gelogen hatte. Sie war nicht hier.
„Ich frage dich jetzt zum letzten Mal! Wo hast du sie versteckt?“
„Ich hab sie nicht. Verdammt noch mal! Wie oft denn noch?“
„Dann denk nach, du Idiot! Wer könnte sie sonst haben?“ Billy zog Piet am Kragen hoch.
„Ich weiss es nicht. Vielleicht Kalle?“
„Ich statte jetzt Kalle einen Besuch ab. Und wenn ich sie da nicht finde, komme ich wieder.“ Zur Bestätigung hielt er seinem Widersacher die Faust vors Gesicht. „Und dann gibt es mehr davon. Das verspreche ich dir.“

Im Gegensatz zu seinen alten Kumpels hatte Kalle sich bei seinen Raubzügen nie erwischen lassen, und wohnte nun hinter hohen Mauern in einem prächtigen Haus. Zähneknirschend musste Billy feststellen, dass sein Kontrahent gerissener war als Piet und er zusammen. Er klingelte Sturm.
„Ja?“ Eine kratzige Stimme ertönte aus der Gegensprechanlage.
„Hier ist Billy. Mach sofort die Tür auf, wir haben was zu besprechen!“
„Ich sehe dich, du Trottel. Über dir ist ne Kamera. Was willst du?“
„Ich will Amy! Ich weiß, dass sie hier ist!“
Einen Moment herrschte Stille, dann dröhnte Kalles schäbiges Lachen durch das Mikrofon.
„Du meinst doch nicht etwa dieses kleine, kratzbürstige Luder? Bist du etwa immer noch vernarrt in das Biest? Ich kann nicht glauben, dass du deswegen hier bist!“
„Verarsch mich nicht! Du warst schon immer scharf auf sie!“ Billys Geduld war am Ende. Er schlug mit der Faust so fest gegen das Tor, dass der ganze Zaun wackelte.
„Jetzt hör mal gut zu. Sie ist nicht hier. Verschwinde, und zwar auf der Stelle, sonst lass ich Bronko frei, der hat noch nicht gefrühstückt und verspeist so Luschen wie dich in einem Stück.“ Ein bedrohliches Knurren drang durch den Lautsprecher.
„Ich komme wieder! Und dann mache ich dich platt!“ Wutentbrannt trat Billy gegen das schmiedeeiserne Tor, was Kalle mit einem donnernden Lachen quittierte.

Mutlos und mit seinem Latein am Ende fuhr Billy nach Hause. Ihm blieb nur noch eine knappe halbe Stunde. Er war ein jämmerlicher Versager. Seine Zeiten als Gangster, vor dem die anderen ehrfürchtig erstarrten, waren längst vorbei, das musste er sich eingestehen. Als er auf die Hofeinfahrt bog, traute er seinen Augen nicht. Vor seiner Haustür saß – Amy!
„Amy! Da bist du ja! Wo hast du gesteckt?“ Billy sprang aus dem Auto und stürmte auf seinen Liebling zu.
„Miau.“ Amy begann sofort zu schnurren und ließ sich widerstandslos auf den Arm nehmen. Billy veranstaltete eine Art Freudentanz und hob sie immer wieder in die Luft. Dabei sah er den zusammengerollten Zettel an ihrem Halsband. Hastig löste er das Papier.

„Sorry, aber das musste sein. Ich wusste, dass du Piet verdächtigen würdest. Ich hoffe, er hat bekommen was er verdient. Mit besten Grüßen, Fernanda.”

Fernanda. Piets Ex. Dieses gerissene Biest.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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