Eine (alte) Liebe

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Eine (alte) Liebe

„Nicht schon wieder ein Oldtimer-Treffen!“ Andrea war müde und ihre Füße schmerzten.
„Nur ganz kurz. Wir waren auch stundenlang auf dem Flohmarkt.“ Verzweifelt blickte Frank auf die gefüllten Taschen an seinen Händen.
„Ok, du hast gewonnen. Aber bitte nicht so lange!“

Als sie das Gelände betraten wusste Andrea, dass dies ein frommer Wunsch war. Franks Augen begannen zu glänzen. Sie nahm die Tüten und gab ihm einen Kuss.
„Geh ruhig schon vor. Ich suche mir einen Platz zum Ausruhen.“
Sie ergatterte einen freien Stuhl und bestellte Kaffee mit einem Stück Kuchen. Erleichtert schlüpfte Andrea aus ihren Schuhen und ließ den Blick über das Treiben schweifen. Käfer, Trucks und amerikanische Schlitten standen, auf Hochglanz poliert, in Reih und Glied. An einem Wagen blieb ihr Blick hängen und ihr Herz machte einen Hüpfer. Ein orangefarbenes Mercedes-Benz SL 280 Cabriolet. Wie lang hatte sie dieses Auto nicht mehr gesehen! Andrea schloss die Augen und spürte die warme Sonne auf ihrem Gesicht.

Jeden Samstag, wenn Opa das Auto wusch, lief sie die Straße herunter zu seiner Garage. Sie liebte es, ihrem Opa zu helfen und den Lack des Mercedes mit dem Schwamm zu säubern, bis er glänzte. Dabei sprachen sie über alles. Darüber, dass Mama und Papa immer stritten und über ihre Mitschüler, die oft gemein zu ihr waren. Dass sie immer noch nicht gut lesen konnte und es ihr schwerfiel, im Unterricht stillzusitzen. Opa hatte für alles Verständnis und hörte sich jedes Problem geduldig an. Sie saugte jeden Ratschlag von ihm auf. Über seine eigene Kindheit sprach Opa nicht gerne.
„Wir waren im Krieg, Andrea. Es ist zu schrecklich, um darüber zu reden. Du musst das nicht hören.“ Seine lieben Augen sahen furchtbar traurig aus. Nie wieder wollte sie ihren geliebten Opa so sehen, und fragte kein einziges Mal mehr danach.

Fast jeden Sonntag machten sie einen Ausflug, heraus aus der Stadt ins Grüne. Wenn das Wetter mitspielte, öffnete Opa das Autodach und der warme Fahrtwind wirbelte durch ihre roten Locken. Sie spielten Chauffeur und feine Dame oder König und Königin. Sie liebte den Duft der glatten, kühlen Ledersitze. Wenn kein anderes Auto hinter ihnen war, drosselte Opa das Tempo, so dass sie aufstehen und in den Wind brüllen konnte. Das tat so gut! Oft wurden sie von anderen Ausflüglern angesprochen, das orangefarbene Cabriolet fiel auf. Manchmal wurden die beiden sogar fotografiert und sie fühlte sich wie ein Filmstar.

Dann passierte es. Nie würde sie den Sonntag vergessen, an dem Opa sie zu einer Fahrt abholen wollte. Das Wetter war herrlich warm, sie hatte ein schickes Kleid und ihre neuen Sandalen angezogen. Ungeduldig wartete sie vor dem Fenster. Opa kam nie zu spät.
Das Telefon klingelte und Mama begann zu weinen. Sie spürte, dass etwas Schlimmes passiert war.

„Hey, du Schlafmütze!“ Frank riss seine Freundin mit einem Kuss aus den Gedanken. „Ist es sehr langweilig?“
„Nein, gar nicht.“ Andrea lächelte. „Lass dir ruhig Zeit.“

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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