Eine andere Liebe

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Eine andere Liebe

Der Möbelwagen fährt die enge Hofeinfahrt hinauf. Ich kann nur mit Mühe den Kloß in meinem Hals herunterschlucken. In ein paar Stunden werden auch die restlichen Möbel aus dem Haus geräumt sein, in dem ich fast 30 Jahre gelebt habe. Dann bleiben mir nur noch Erinnerungen. Routiniert tragen die Männer einen Karton nach dem anderen in den LKW. Sie haben einen langen Tag vor sich. Die Fahrt geht von Berlin nach Spiekeroog, auf die Insel, die ich als 16-jährige verlassen und mir geschworen hatte, nie wieder zurückzukehren.
„Irgendwann kommen alle zurück“, hatte meine Oma immer gesagt, wenn sie mit wehmütigem Blick den Schiffen hinterher sah, die die Touristen sonnengebräunt und entspannt wieder in ihren Alltag schipperten. Es war das erste Mal, dass ich ihr nicht geglaubt habe.

Ich gehe ein letztes mal durch unser Haus. 200 qm schlichte Eleganz – wie stolz wir waren. Der Gedanke, dass bald fremde Leute hier einziehen werden, in dem Ralf, unsere Zwillinge und ich gelebt, geliebt, geweint, gefeiert und gestritten haben, umklammert mein Herz mit eisernem Griff. Sie wissen doch nichts über uns.
Als Ralf auszog, um mit einer neuen Frau ein neues Leben zu beginnen, ging ich wochenlang nicht aus dem Haus. Ich wollte meine Burg nicht verlassen, habe das Telefon und die Klingel aus und mich tot gestellt. Nur mein geliebter Kater wich keinen Zentimeter von meiner Seite und leckte tröstend meine Hand, während ich auf dem Sofa lag und die Kissen nass heulte.
Nachdem Ralf gegangen war, habe ich viele fremde Männer in unser Haus gebracht. Was er kann, kann ich schon lange. Ich habe eine neue Liebe gesucht, ein neues Leben, aber meine Gefühle waren bereits aus mir gespült.
Besonders verheiratete Männer hatten es mir angetan. Ich wollte Ehen zerstören. Ich wollte der Grund sein, warum Männer ihre Frauen verlassen, ich wollte besser sein als sie. Dabei wusste nicht, ob ich mich wirklich neu verlieben oder nur verletzen wollte, mein Ego aufpolieren oder einfach nur Bestätigung suchte. Ich wollte spüren, was ich in unserer Ehe alles verpasst hatte und habe erkannt, nichts verpasst zu haben.
Ich will nie wieder so sein sein. Der Kick des Verbotenen, die kurzen Momente der Zweisamkeit glichen nicht im Geringsten die einsamen Stunden, Tage und Wochen aus. Ein Mensch zweiter Klasse, ich fühlte ich mich ausgenutzt, wenn der Mann meinen Duft in der Dusche abspülte, um rechtzeitig zum Abendessen zu Hause zu sein. Für mich war nur Zeit, wenn keine Kegelabende, Sportveranstaltungen, Kinderfestivitäten oder Familienfeiern anstanden. Ich war die „Überstunden-Frau“. Habe Liebesschwüren geglaubt und sie dennoch nicht ernst genommen, habe die Panik in den Augen der Männer genossen, wenn ich androhte, alles zu verraten.

Das Schiff legt ab. Seit einer Ewigkeit bin ich nicht mehr auf der Insel gewesen. Mit den Kindern war ich öfter am Meer gewesen, aber je größer sie wurden, desto uninteressanter wurde die Nordsee. Ich schließe die Augen und lasse den Wind durch meine Haare wehen, rieche die See und ein Gefühl von Heimat durchströmt meinen Körper. Alles, was ich so verabscheut habe und vor dem ich geflohen bin, kommt mir nun so verlockend vor. Die Ruhe, der Wind, die Weite und Einsamkeit – ich kann die kalten Tage kaum abwarten, in denen die Insel leer ist und ich stundenlang am Strand spazieren kann. In den letzten Jahren habe ich immer wieder von Spiekeroog geträumt und mich an das Rauschen des Meeres erinnert, welches mich schon mein ganzes Leben immer wieder beruhigt hat. Ich sehne mich danach, in den Dünen zu liegen, stundenlang die Wolken zu beobachten und mir vorzustellen, wohin sie ziehen. Mein Kater sitzt im Katzenkäfig auf meinem Schoß, er hat Angst vor den Motoren des Schiffes und miaut kläglich. Ich streichle beruhigend seinen Kopf. Er ist alt, die Reise stresst ihn, aber ich hoffe, dass wir noch eine schöne Zeit auf der Insel haben werden, und er in seinen betagten Jahren vielleicht sogar noch eine Maus in den Dünen fangen kann.
Ich schließe die Augen und sehe meine Oma winkend am Hafen.
„Du hast recht, irgendwann kommen alle zurück“.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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