Haltet die Nacht an

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Haltet die Nacht an

Am 19.03.2015 um 22.05 Uhr trifft der Notarzt im Dorf M. ein. Fast niemand ist um diese Zeit noch auf den Straßen, die meisten Jalousien der gepflegten Häuser sind bereits runtergelassen, die Außenbeleuchtung überall eingeschaltet.

An der Hofeinfahrt empfängt Matthias R.*, eingenässt und stark betrunken, die Sanitäter. Seine Tochter Tanja* übersetzt das Genuschel ihres Vaters. „Mama ist tot“, sagt sie. Von Trauer oder Entsetzen keine Spur. Eher Erleichterung. Als die Sanitäter die Treppe ins Obergeschoss des Zweifamilienhauses gehen, schlägt ihnen bereits ein unmenschlicher Gestank entgegen. Im Wohnzimmer liegt eine abgemagerte Frau mit offenen Augen auf dem Sofa. Sie ist tot. Es stinkt dort so bestialisch, dass die Sanitäter nur mit Mühe durch den Mund atmen können. Sofort rufen sie die Polizei. Hier muss etwas schreckliches passiert sein.

 

Im Sommer 1983 lernen sich Matthias R. und das Opfer, Silke M.*, beide 1965 geboren, in Bremen auf einem Volksfest kennen. Sie ist fröhlich, aufgeschlossen und beliebt. Matthias ist ein ruhiger, schüchterner Mensch, zusammen ergänzen sie sich gut. 1991 heiraten sie. Für Silke ist dies der schönste Tag in ihrem Leben, auf dem Hochzeitsbild strahlt sie mit roten Wangen in die Kamera.

1992 zieht das junge Ehepaar mit Matthias´ Eltern aus Bremen in das 30 km entfernte Dorf M. Hier haben sie ein Zweifamilienhaus gekauft. Die Gärten sind wie abgezirkelt und mit der Nagelschere geschnitten, die Dorfgemeinschaft trifft sich auf dem Schützenfest, Erntefest und an Karneval. Ein Supermarkt, ein Friseur, ein Kiosk, zwei Gaststätten, eine Grundschule und ein Kindergarten befinden sich im Ort. Die Umstellung von der hektischen Hansestadt in das beschauliche M. ist groß, doch nach einer Weile haben sich beide Familien an die Ruhe gewöhnt.

1993 kommt Sandra*, die erste Tochter der beiden auf die Welt. 1997 die zweite Tochter Tanja. Auf den ersten Blick wirken sie wie eine ganz normale Familie. Die Mädchen haben das hübsche Erscheinungsbild ihrer Mutter geerbt, sind quirlig und vergnügt. Jedoch trügt der Schein. Hinter geschlossenen Türen fängt die Mutter an zu trinken. Die Familie hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Matthias arbeitet als Fahrer für einen Getränkeladen, Silke jobbt als Verkäuferin im Kiosk, als Kellnerin oder Putzfrau. Während Matthias seiner Arbeit gewissenhaft nachgeht, wird Silke nach kurzer Zeit bei jedem Job gefeuert, meistens wegen Alkoholgenuss am Arbeitsplatz. Was noch niemand im Dorf weiß: Silke hat eine Vorgeschichte, ihr eigener Vater und Bruder starben durch Alkoholmissbrauch.

Nach der Geburt von Tanja verstärkt sich das Trinkverhalten der Mutter. Vielleicht ist sie mit der Erziehung, Haushalt und ihren Jobs überfordert und versucht, sich so einen Ausgleich zu schaffen. Bis hier hin ist die Familie im Dorf integriert, man unterhält sich am Gartenzaun, besucht sich an Geburtstagen und trifft sich auf den Dorffesten. Jedoch betrinkt sich Silke dort immer öfter so stark, dass Nachbarn und ihr Ehemann die torkelnde Frau nach Hause begleiten müssen.

„Mit der stimmt was nicht“, wird im Dorf gemunkelt. Die Leute fangen an, die Familie zu meiden, die lautstarken Streitigkeiten der Familie sind bis in die Nachbargärten zu hören. Immer seltener besuchen andere Kinder die beiden Mädchen zum Spielen. „Wegen deiner Mama“, sagt Tanjas Freundin zu ihr.

Als Tanja 13 Jahre ist, sagt ihr die Mutter im Suff, dass sie sie nie haben wollte. Tanja flüchtet völlig aufgelöst zu ihrem Freund, kommt aber nach einiger Zeit zurück.

2003 trinkt Silke nicht nur, sie säuft alles, was sie in die Finger bekommt. Die Sucht bestimmt ihr Leben komplett.

Tanja hat keinen Einfluss auf die Stimmungsschwankungen ihrer Mutter. Manchmal trifft sie zu Hause auf eine überdrehte, überfreundliche Mutter, meistens jedoch schreit sie ihre Kinder an, wenn sie nur eine Kleinigkeit vergessen haben oder ihnen etwas herunterfällt. Reden dürfen die Mädchen nicht, sonst bekommen sie Schläge.

2005, an Tanjas 8. Geburtstag, kommt Silke das erste Mal zur Entgiftung in die Klinik. Kurz zuvor hat Tanja ihre Mutter, vor Krämpfen wälzend, auf dem Küchenboden gefunden. Sie ist allein und bekommt Angst, ruft den Notarzt.
Immer öfter passiert das. Immer öfter bleibt Silke zum Entzug im Krankenhaus, aus dem sie sich nach ein paar Wochen wieder selbst entlässt. Jedes Mal fasst sie den Entschluss, aufzuhören, jedes Mal scheitert sie. Die Familie stumpft immer mehr ab.

In den folgenden Jahren werden die Abstürze der Mutter immer schlimmer. Oft fantasiert sie im Delirium, sieht überall weiße Mäuse. Sie spricht Tanja mit Mutter an.
Der einzige Halt der Mädchen sind die Großeltern ein Stockwerk tiefer. Hier scheint die Welt in Ordnung zu sein, die Oma sammelt Puppen, die im ganzen Wohnzimmer verteilt sind. Sie kocht den Mädchen Essen, wäscht und bügelt ihre Kleidung, damit sie ordentlich aussehen. Silke ist zu all dem nicht mehr fähig. Einzig um die beiden Hunde kümmert sie sich noch, geht torkelnd mit ihnen Gassi. Sie vernachlässigt sich immer mehr. Ihre blonden Locken verfilzen, die Haut wird fahler und sie magert immer mehr ab. Sie betreibt kaum noch Körperpflege. Und auch an den Mädchen bleibt der Geruch von abgestandenem Rauch, Suff und Modrigkeit der Wohnung hängen.

Ende 2007 lässt Matthias R. seine Frau zur Entgiftung in die Psychiatrie einweisen.

Im Januar 2008 erkennt das Jugendamt, das durch Nachbarn und Lehrer auf die Familie aufmerksam geworden ist, Anzeichen für eine “erhebliche Kindeswohlgefährdung” bei Tanja und Sandra. Das Familiengericht wird eingeschaltet. Der Richter ist der Ansicht, dass sich die Oma ausreichend um die Kinder kümmere.
Jedoch sieht es anders aus. Silke klaut ihren Kindern und anderen Familienmitgliedern Geld, um sich am Kiosk und im Supermarkt mit Alkohol einzudecken. Sie beschuldigt ihre eigenen Kinder, das Geld gestohlen zu haben. Auf Tanja hat sie es ganz besonders abgesehen. Ihre Schwester und sie verstecken den Alkohol und ihr Taschengeld im Haus, aber die Mutter findet alles. Immer öfter schleicht sie in den Keller, um die Alkoholvorräte des Schwiegervaters zu trinken. Sie kauft im Dorfkiosk und im Supermarkt Alkohol, die Flachmänner trinkt sie gleich auf dem Nachhauseweg und wirft die leeren Flaschen in die Nachbargärten. Den restlichen Einkauf versteckt sie im Garten. Die Familie ist machtlos. Alle Bemühen, sie zum Aufhören zu bewegen, scheitern.

Ein Amtsarzt diagnostiziert im September 2008 bei Silke das Korsakow-Syndrom. Der Alkohol hat das Gehirn und Nervensystem der Mutter irreparabel geschädigt.
Der Vater wird immer überforderter mit der Situation, schreit die Kinder auf dem Hof an, schlägt sie. Die Töchter bitten ihren Vater, sich scheiden zu lassen, bloß weg von der Mutter. Matthias Vater rät seinem Sohn ebenfalls, sich zu trennen, aber der kann nicht. Er liebe sie und könne sie nicht allein lassen.

Im Sommer 2009 fällt der einzige Rettungsanker der Familie, der Opa, beim Kirschen pflücken vom Baum. Er liegt im Koma und wacht nie wieder auf. 2011 stirbt er. Nach seinem Tod verliert Matthias jegliche Hoffnung, wirkt stark gealtert und ergraut. Er beginnt zu trinken. Zuerst nur abends, dann auch tagsüber. Am Anfang heimlich, später immer hemmungsloser.

2013 kommen wieder Mitarbeiterinnen des Jugendamts zur Familie. Sie müssen im Wohnzimmer der Oma mit den Kindern sprechen, nach oben in die Wohnung darf von außerhalb niemand mehr. Hilfe durch einen gesetzlichen Betreuer lehnt die Mutter vehement ab, die Oma verspricht, sich weiter um die Mädchen zu kümmern. Tanja sucht nach Hilfe, fragt den Hausarzt nach Rat, googelt im Internet immer wieder nach „Zwangseinweisung“. Sie besucht eine Selbsthilfegruppe im Internet, dort wird nur darüber gesprochen, wie sie sich selbst helfen kann. Sie möchte doch aber ihrer Mutter helfen.

Im Oktober 2014 verliert der Vater durch Unzuverlässigkeit im Suff seinen Job. Obwohl er seiner Sucht bereits verfallen ist, will er den Anschein wahren und wäscht die Kleidung der Kinder, damit sie außerhalb des Hauses ordentlich aussehen. Die Wohnung verkommt dagegen immer mehr. Die ältere Tochter Sandra hält es nicht mehr aus und zieht zu ihrem Freund. Bloß raus aus der Hölle. Tanja ist ihren alkoholisierten Eltern von nun an allein ausgesetzt. Sie begeht immer öfter Ladendiebstahl, reißt von zu Hause aus, wird aber immer wieder vom Vater nach Hause geholt. Tanjas Mutter geht es immer schlechter. Sie ist oft so betrunken, dass sie stürzt. Gegen Ende des Jahres wird sie von den Dorfbewohnern das letzte Mal gesehen, sie sähe aus „wie der Tod auf Latschen“. Abgemagert, vollkommen gealtert und verlaust.

Mitte Januar stürzt die Mutter in der Wohnung so schwer, dass sie sich die linke Hüfte bricht. Sie legt sich mit letzter Kraft aufs Sofa. Von allein kann sie nicht mehr aufstehen. Matthias und Tanja stellen ihr ab und zu etwas zu essen ans Sofa, ob sie es tatsächlich zu sich nimmt, wissen sie nicht. Es könnten auch die beiden Hunde, die mit in der verwahrlosten Wohnung leben, gefressen haben. Jeden Tag hält sich Matthias im Wohnzimmer auf, sieht fern und trinkt. Ärgert sich, weil Silke nur auf dem Sofa liegt und begnügt sich mit ihrer Antwort, dass alles in Ordnung sei. Der Gestank in der Wohnung ist bestialisch, oft muss er sich übergeben, wenn er morgens das Wohnzimmer betritt.

 

Als am 19.03.2015 der Silkes Leichnam zum Abtransport hochgehoben wird, bleiben Hautfetzen der Mutter am Sofa kleben. Verschimmelte Brotreste und Kothaufen liegen auf dem Sofa, welches wie ein Schwamm mit Urin durchtränkt ist. Hunderte von Maden befinden sich am Körper der Mutter, der nur noch aus Haut und Knochen besteht. Die Notärztin sagt später vor Gericht aus, “Haare und Zehennägel der Frau haben sich wie von allein aus dem Körper ziehen lassen. So etwas habe sie noch nie gesehen, nur auf Fotos von verhungerten KZ-Häftlingen am Ende des Kriegs”.

Fast ein Jahr später, im März 2016, fällt das Landgericht V. ein Urteil: Totschlag durch Unterlassen, sieben Jahre Haft für Matthias R, drei Jahre für Tanja. Der Richter glaubt den beiden nicht, das Sterben der Mutter nicht bemerkt zu haben. Vater und Tochter hätten “mitleidlos neben der sterbenden und im eigenen Kot und Urin liegenden Mutter gelebt“ und seien dabei “normalen Alltagsbeschäftigungen” nachgegangen. Laut Obduktion hätte Silke R. noch an ihrem Todestag gerettet werden können.
„Ich hatte nie eine Mama“ sagte Tanja dem Richter damals. „Sie war nie für mich da. Ich habe sie gehasst und gleichzeitig geliebt“. Sie verstand nicht, warum sie schuldig sein sollte. Beamte erklärten ihr kurz nach der Festnahme, dass sie angeklagt war, weil sie nicht eingegriffen hat. Vermutlich hatte Silke schon in der Schwangerschaft getrunken, da bei Tanja ein IQ von 83 festgestellt wurde. Kurz nachdem ihre Mutter tot war, schrieb sie ihrem Exfreund: „Ich bin froh, dass sie weg ist. Sie hat mein Leben zur Hölle gemacht.“

Tanja ist 2019 aus der Haft entlassen worden. Inzwischen hat sie einen Sohn, um den sie sich, unter Beaufsichtigung des Jugendamtes, liebevoll kümmert.

Sandra ist nach Sanierung der Wohnung, in der ihre Mutter starb, wieder dort eingezogen.

Matthias R. wird voraussichtlich 2023 entlassen.

 

Ⓒ Katrin Seliger

Quelle: “Mama ist tot” –  Die Geschichte einer Familientragödie, Stern Ausgabe Nr. 47/2016

*Namen geändert

Foto: Pexels

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