“Ihr Rehlein kommet, oh kommet doch all!”

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“Ihr Rehlein kommet, oh kommet doch all!”

Ihr Rehlein kommet, oh kommet doch all!

Ludger hatte ein für alle mal die Nase voll. Seit Wochen machte seine Frau ihn mit Wünschen, Vorbereitungen und Putzorgien fast verrückt. Herr Gott, es waren nur ein paar freie Tage, mehr bedeutete ihm Weihnachten nicht. Das war nicht immer so gewesen. Als Kind hatte er dieses Fest geliebt. Gemeinsam mit seinem Vater war er durch die Wälder gestreift um den schönsten Baum zu schlagen, den sie anschließend mit der Mutter liebevoll schmückten. Das Haus roch nach Keksen und Braten, Weihnachtslieder klangen leise durch die Stube und vor dem Fenster fielen dicke Schneeflocken auf die Erde. Das war einmal. Nun empfingen ihn ein steriles Haus, das jedem OP Konkurrenz machen konnte, ein lilagold geschmückter Baum und seine Frau Inge, die sich schon seit Wochen Gedanken um das Weihnachtsmenü machte. Dieses Jahr sollte es Reh geben. Seine einzige vorweihnachtliche Aufgabe bestand darin, den besten Rehrücken der Stadt zu besorgen. Inge hatte lange überlegt, bei welchem Schlachter sie das Fleisch bestellen sollte. Metzger Meyer war zu teuer, Metzger Stellings Waren besaßen keine Qualität, die Fleischerei Rosenau gehörte dem Mann ihrer ehemaligen Klassenkameradin, die sie nicht leiden konnte und in dessen Geschäft sie kein Geld werfen wollte. Schließlich hatte sie sich für die Schlachterei Mettmann in der Innenstadt entschieden, von der Ludger nun den bestellten Rehrücken abholen sollte.
Schlecht gelaunt lief er durch die Straßen. Von Ruhe und Besinnung war an diesem 24. Dezember nichts zu spüren. Die Leute hetzten durch die Geschäfte um noch Geschenke zu besorgen, die kein Mensch brauchte und die nach Weihnachten sowieso wieder umgetauscht wurden. Plötzlich stieg ihm der Geruch von gebrannten Mandeln in die Nase. Wie von einem unsichtbaren Faden gezogen steuerte er auf den Weihnachtsmarkt zu. Beim Anblick der verschiedenen Stände lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Inge hatte ihn zwar auf Diät gesetzt, aber eine kleine Tüte Mandeln würde wohl in Ordnung sein, er brauchte jetzt dringend eine Pause. Die Bude empfing ihn mit herrlichen Süßigkeiten, er konnte sich an den glasierten Äpfeln und Schokofrüchten, dem Nougatkonfekt und den niedlich verzierten Lebkuchenherzen nicht satt sehen. Augenblicklich fühlte er sich wieder wie ein kleiner Junge. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen! Eigentlich hatte er auch jetzt nicht viel Zeit, die Schlachterei würde bald schließen, aber da er schon mal hier war, wäre es eine Sünde, einfach weiterzugehen. An dem Bratwurststand nebenan schlug ihm wohlige Wärme entgegen, er bestellte sich zwei Würste im Brötchen und seufzte vor Glück, als er herzhaft hineinbiss. Die bunten Lichter auf dem Markt und die schön geschmückten Holzbuden ließen ihn endlich ein wenig in Weihnachtsstimmung kommen. An einem Stand mit handgefertigten Wachskerzen suchte er eine besonders hübsche für seine Frau und eine etwas größere für seine Mutter aus. Nun wurde es aber wirklich Zeit! Vor der Glühweinbude gegenüber hatte sich eine Menschentraube gebildet. Energisch bahnte er sich einen Weg durch die Menge, als er mitten im Getümmel plötzlich seinen alten Kumpel Rudi entdeckte. Mit lautem Gejohle fielen sich die beiden um den Hals. Rudi, der schon eine ganz rote Nase hatte, bestellte gleich eine neue Runde Punsch. Ludger freute sich über das zufällige Treffen und trank seinen Becher mit Genuss. Aus einer Runde wurden zwei, dann vier und wenn nicht plötzlich sein Handy geklingelt hätte, wären es wahrscheinlich noch mehr geworden.
“Ludger! Wo steckst du? Hast du das Fleisch? Ich warte auf dich!“
Verdammt! Der Rehrücken!
„Ja, natürlich Liebes, alles erledigt! Ich bin gleich da!“ Hastig verabschiedete er sich von Rudi, der ihn verständnislos ansah und lief los. Beim Blick auf die Uhr erschrak er. Es war bereits kurz vor vier, die Geschäfte machten jede Minute zu. Wie hatte er nur so die Zeit vergessen können? In Höchstgeschwindigkeit rannte er zum Metzger Mettmann, aber schon von weitem sah er, dass der Laden bereits dunkel war. Verzweifelt rüttelte und klopfte er an der Ladentür, aber es half nichts. Niemand öffnete. Er war einfach zu spät. Inge hatte ihm nur diese eine Aufgabe anvertraut und er hatte es vermasselt. Das würde sie ihm nie verzeihen. Weihnachten ohne Braten, das war einfach unvorstellbar. Er konnte nichts anderes tun, als nach Hause zu fahren und alles zu beichten. Vielleicht hatte Inge ja noch ein wenig Geflügel in der Truhe? Reh oder Huhn, im Grunde war das doch egal. Wütend über sein Missgeschick und das bevorstehende Donnerwetter drückte er aufs Gaspedal. Die glänzende Schneeschicht auf dem Asphalt ignorierte er und fuhr viel schneller als erlaubt. Im letzten Moment sah er etwas Dunkles auf die Straße rennen, dann knallte es.

„Liebes! Ich bin da!“ Fröhlich pfeifend schloss Ludger die Haustür auf.
„Das wurde aber auch Zeit! Wo warst …?“ Inge stieß einen spitzen Schrei aus und presste die Hand auf den Mund, als er in die Küche kam.
„Ich hab deinen Braten besorgt!“ Mit einem Rums ließ er das tote Reh von seiner Schulter auf den Tisch fallen. „Frischer geht´s nicht, liebe Inge!“

Ludger verbrachte die die nächsten Tage und auch den Jahreswechsel bei seinem Kumpel Rudi. Inge hatte ihn bis auf Weiteres aus ihrem Leben verband. Und wenn er ehrlich war, hatte er Weihnachten seit Jahren nicht mehr so entspannt verbracht. Trotzdem würde er ihr morgen einen Blumenstrauß schicken und um Verzeihung bitten. Er vermisste sie sehr. Und dieses Jahr würde er alles besser machen.

Erschienen im Wendepunkt Verlag “Die Magie der Weihnachtsmärkte”

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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