Elisa

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Elisa

Die Sekunden nach dem Aufwachen waren die schlimmsten. Wenn der zerbrechliche Moment des Träumens verging und sich die Erinnerung erneut bleischwer auf ihre Brust legte. Linda versuchte weiterzuschlafen, und dem Gedankenkarussell an diesem Morgen keine Chance zu geben. Doch je mehr sie dagegen ankämpfte, desto weniger gelang es ihr, das wunderbare Gefühl der Schwerelosigkeit zu erhalten. Und so begann der Tag, wie der gestrige geendet war. Traurigkeit und ein eisiger Griff umklammerten ihr Herz. Sie nahm das kleine schwarz-weiße Foto vom Nachttisch und strich behutsam über den winzigen Körper. Es war das einzige Bild ihres Kindes. Linda wusste noch nicht einmal, ob es ein Mädchen oder ein Junge geworden wäre, aber sie spürte, dass sie ein Mädchen geboren hätte.

Die Fehlgeburt hatte sie mit voller Wucht getroffen. Nichts hatte darauf hingewiesen, dass sie ihr Baby nicht bekommen würde und zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie, wie es sich anfühlte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Obwohl sie erst in der 8. Schwangerschaftswoche gewesen war, hatte sie schon kleine Schühchen und den ersten Strampler gekauft. Thomas sogar schon einen Schnuller. Das war sicher voreilig gewesen, aber sie hatten sich so gefreut. Nie würde Linda den Blick ihres Mannes vergessen, als sie ihm erzählte, dass sie schwanger war. Thomas, der sonst nie weinte, hatte Tränen in den Augen.
Und jetzt? Seit der Fehlgeburt herrschte Sprachlosigkeit zwischen ihnen. Beiden war klar, dass sie nichts falsch gemacht haben. Die Natur hatte erbarmungslos zugeschlagen und nichts und niemand hätte daran etwas ändern können. Und trotzdem – die Unbeschwertheit, die sie bis dahin verbunden hatte, war verschwunden. Sie trauten einander kaum in die Augen zu sehen, jedes Lachen war gestellt, jedes Wort bewusst gewählt. Während Linda immer noch krankgeschrieben war, hatte Thomas zwei Tage nach ihrer Fehlgeburt wieder angefangen zu arbeiten. Es muss ja weitergehen, hatte er gesagt. So war er. Aufstehen und weitermachen. Wenn sie das doch auch nur könnte.
Die Hebamme, mit der sie schon Kontakt aufgenommenen hatte, hatte ihr geraten, einen Brief an ihr Baby zu schreiben. Zuerst kam Linda das völlig sinnlos vor, aber in den vergangenen Tagen hatte sie immer wieder darüber nachgedacht, es doch zu versuchen. Vielleicht half es ja wenigstens ein bisschen? So konnte es jedenfalls nicht weitergehen. Sie griff zum Stift und die Worte flossen zusammen mit ihren Tränen auf das Papier.

„Mein liebes Kind!”

„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Ich träume von dir und wenn ich morgens meine Augen öffne, sehe ich als Erstes dein kleines Gesicht vor mir. Ich stelle mir vor, wie ich deinen kleinen Kopf streichle, deinen wunderbaren Duft einatme und deine zarten Finger küsse.
Bitte verzeih mir, dass ich nicht besser auf dich aufgepasst habe. Vielleicht hattest du einen Grund zu gehen, den nur du kennst und wir nicht verstehen. Aber vergiss nie, dass wir dich lieben. Vom ersten Moment an. Ganz besonders dein Papa. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dich in meinen Armen zu halten, deinen kleinen Körper an mich zu drücken und deinen Duft einzuatmen. Ich würde so gerne wissen, was aus dir geworden wäre, wie du dich entwickelt und was für ein wunderbares Leben du geführt hättest! Ich bin unendlich traurig, dass ich das niemals erleben werde. Ich werde dich nie vergessen. Die Wochen mit dir in meinem Bauch und dicht an meinem Herzen waren die glücklichsten in meinem Leben. Ich wünschte, du hättest mich mitgenommen. Dann könnten wir jetzt zusammen sein. Ich hoffe so sehr, dass es dir gut geht. Du bist für immer in meinem Herzen. Deine Mama.”

In der nächsten Nacht, mit dem Brief unter ihrem Kopfkissen, träumte Linda wieder von ihrem Kind. Dieses Mal sah sie die Kleine so deutlich wie noch nie zuvor. Sie hatte braune Augen, dunkle Locken und war einfach wunderschön. Sofort wusste Linda einen Namen für ihr Baby: Elisa. Sie nahm die kleine, zerbrechliche Hand ihres Mädchens und bat sie um Verzeihung. Elisas Augen blickten voller Liebe.
„Mama, bitte sei nicht traurig. Mir geht es gut, genau hier, wo ich jetzt bin. Du brauchst keine Angst haben, ich sehe hier so viel Schönes. Bitte vertraue mir, wir werden uns wiedersehen. Ich gebe dir keine Schuld. Ich wäre gerne bei euch geblieben, aber alles ist so passiert, wie es passieren musste. Auch wenn du mich nicht geboren hast, bist du meine Mama. Ich passe auf dich auf. Und ich liebe dich genauso wie du mich. Ich bin jetzt in Gottes Hand. Ich weiß, dass ihr mich nie vergessen werdet. Und ich werde euch nicht vergessen.“ Sie küsste ihre Mama und löste ihre kleine Hand sanft aus der ihrer Mutter.
„Nein, bitte, geh noch nicht!“
„Ich bin nicht weg, Mama. Ich bin immer da.“ Elisa lächelte glücklich und verschwand in den Wolken.

Am nächsten Morgen erwachte Linda wieder mit der vertrauten Bleidecke auf der Brust. Aber etwas war anders. Sie fühlte sich nicht mehr ganz so schwer an wie am vergangenen Tag. Die Traurigkeit war nicht verschwunden, aber sie spürte eine tiefe Verbundenheit mit ihrem ungeborenen Kind. Sie nahm das Bild vom Nachttisch und küsste es.

Ⓒ Katrin Seliger

 

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