Mit Brötchens Hilfe

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Mit Brötchens Hilfe

Der himmlische Duft von frischem Kaffee lockte Mira aus dem Bett. Sie reckte und streckte die müden Glieder und gähnte ungeniert.
Plötzlich fiel ihr das Gespräch von gestern Abend wieder ein. Ja oder nein, nein oder ja. Zum hundertsten Mal hatten Florian und sie das Für und Wider einer Ehe diskutiert – ohne Erfolg.
Mira liebte Florian. Er war gut zu ihr, nett, witzig und großzügig. Ihr Verstand sagte, dass sie keinen besseren Freund finden würde. Niemand anderes hätte ihre Launen, Stimmungsschwankungen und ständig wechselnden Zukunftspläne in den letzten acht Jahren so geduldig ertragen. Andere Männer hätten ihr wahrscheinlich längst einen Vogel gezeigt und sich aus dem Staub gemacht. Aber heiraten? Das war doch wirklich noch etwas anderes. Woher wusste sie denn, dass da draußen nicht jemand auf sie wartete, der noch besser zu ihr passte, der einfach für sie bestimmt war. Jemand, der mit ihr durch den Regen tanzte und ihr die Sterne vom Himmel holte! Ein Seelenverwandter eben. So etwas sollte es ja wirklich geben. Mira schlurfte in die Küche. Wie immer, wenn Florian zur Frühschicht ging, hatte er den Frühstückstisch schon gedeckt. Miras Herz bekam einen Stich, als sie das Blatt Papier auf ihrem Teller sah. Er war doch nicht etwa…?

„Guten Morgen Schatz! Ich möchte nicht noch einmal so einen Abend wie gestern erleben. Wir hatten genug davon. Lass das Schicksal für uns entscheiden. In der Tüte sind zwei Brötchen, in jedem steckt ein Zettel. Auf dem einen steht „Ja“ auf dem anderen „Nein“. Erwischst du das erste, heiraten wir, bei nein ist das Thema erledigt und wir reden nie wieder davon. Ich hoffe, du bist einverstanden und wählst das Richtige. In Liebe, Florian“.

Einen Moment stand Mira wie angewurzelt vor dem Tisch, dann riss sie die Tüte auf. Zwei Brötchen plumpsten auf ihren Teller. Mira inspizierte sie wie zwei Gesteinsbrocken vom Mars. Im Boden der Brötchen entdeckte sie jeweils ein kleines Loch, dort musste er die Zettel hineingeschoben haben. Sollte sie diese beiden Teigbällchen wirklich über ihre Zukunft entscheiden lassen? Einerseits war das ziemlich absurd, andererseits war Florians Idee ziemlich süß und außergewöhnlich. Sie überlegte, die Zettel aus den Brötchen zu pulen oder einfach beide aufzuschneiden, aber irgendwie erschien ihr der Gedanke nicht richtig. Vielleicht war es wirklich das Beste, die Entscheidung dem Zufall zu überlassen. Immerhin war sie schon 35, die biologische Uhr tickte unbarmherzig und von allein würde sie wahrscheinlich niemals eine Entscheidung treffen können. Mira schloss die Augen, zählte bis drei und nahm das etwas dunklere Brötchen. Mit klopfendem Herzen schnitt sie es auf und tatsächlich kam ein kleiner, weißer Zettel zum Vorschein. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Mia klappte ihn auf, lachte und stürmte zum Telefon.

Eine Woche später fand Herr Müller beim täglichen Enten füttern im Stadtpark einen kleinen Zettel. Er lag am Ufer des Teiches, um ihn herum aufgeweichte Krümel. Herr Müller bückte sich ächzend. Er war nicht neugierig, aber dieses Papierchen weckte sein Interesse. Umständlich kramte er seine Brille aus der Jackentasche – und war enttäuscht. Es stand nur ein einziges Wort darauf: „JA!“ Kopfschüttelnd warf er den Zettel in den nächsten Mülleimer.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

 

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