Ohne ein Wort

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Ohne ein Wort

Das Leben langweilte sie. Mehr als das. Langweilen konnte man sich mal, saß einfach nur da und wartete, bis einem etwas einfiel. Dies war etwas anderes. Sie fühlte eine tiefe Leere in sich. Ihr Leben deprimierte sie. Jeden Tag die gleichen Abläufe, die gleichen Bewegungen, dieselben Handgriffe. Am Abend eine Flasche Wein und Trash-TV. Der nächste Morgen begann genau wie der Letzte. Es fiel ihr immer schwerer aufzustehen. Wenn sie sich nach einem zähen Vormittag im Büro endlich zur ersehnten Mittagspause legte, konnte es passieren, dass sie gar nicht mehr aufstand. Nur die Jungs mit ihren Bedürfnissen hielten sie davon ab. Woher nahmen andere Frauen ihre Energie? Wie konnte sie etwas finden, das nicht mit dem Job, der Familie oder dem Haushalt zu tun hatte? Warum füllten ihre Kinder sie nicht aus? In der Schule waren sie gut und hatten eine Menge Freunde, spielten beide leidenschaftlich Fußball. Reichte das nicht? Warum machte das keine stolze Mutter aus ihr? Sie liebte beide, aber immer öfter wünschte sie sich, sie wären nicht da. Dann wäre sie die Last der Verantwortung los und müsste nicht jeden Tag alle Kraft aufbringen, eine gute Mutter zu sein.
Sie überlegte, den Müll nach draußen zu bringen, entschied sich aber dagegen. Er lag schon seit Tagen dort. Sie schlug die Zeitung auf. Gestern war wieder ein Amoklauf passiert. Die Presse überschlug sich mit Analysen, Psychologen meldeten sich zu Wort. Ein Familienvater hatte erst seine Tochter und dann seine Frau umgebracht. Sie hatte, vermutlich aus Geldsorgen, die Beziehung beendet. Nachdem er beide getötet hatte, war er ziellos durch Hamburg gestreift und hatte weiter um sich geschossen. Wie einfach es war, ein mühsam aufgebautes Leben auszulöschen. Alle Träume, Ziele und Pläne mit einem Schuss zu beenden. Die Vernunft sagte ihr diese Tat zu verurteilen, aber wenn sie ihre Moral beiseite schob, hatte sie Mitleid mit dem Täter. Sie konnte fühlen, wie es war, keinen Ausweg mehr zu sehen, keine Freude zu empfinden, keinen Sinn und keinen Lichtstrahl mehr zu spüren. Sie wusste wie es sich anfühlte, dem Druck, den das tägliche Leben ausübte, nicht mehr standhalten zu können. Und immer wieder die Angst, dass ihren eigenen Kindern etwas passieren konnte, sie durch einen Unfall oder einen anderen Grund von heute auf morgen aus dem Leben verschwinden könnten. Sie ging zum Schrank und griff zu den Tabletten. Kurz überlegte sie, keine zu nehmen und stattdessen zur Nachbarin zu gehen, um über belanglose Sachen zu plauschen. Einfach nur, um die düsteren Gedanken für kurze Zeit zu unterbrechen. Sie entschied sich dagegen. Es war ihr zu anstrengend. Gossip aus der Nachbarschaft, Thermonixrezepte und Ideen für das nächste Fußballfest machten sie nur noch müder. Sie war schon lange nicht mehr in die Gemeinschaft integriert. Zu oft hatte sie Tupperabende und Schmuckpartys abgesagt, zu wenige Sonntage am Fußballfeld verbracht. Die Sinnlosigkeit überrollte sie mit voller Wucht. Wer war sie? Warum war sie hier? Sie wusste, dass sie etwas gegen die Depression machen musste. Die Ärztin hatte ihr empfohlen, eine mehrwöchige Reha zu machen, aber dazu konnte sie sich nicht durchringen. Was würde es bringen? Was hatten ihr die letzten Aufenthalte gebracht? Sie konnte nicht von zu Hause weg, wer würde sich um alles kümmern? Gerade jetzt, wo irgendetwas mit Simon, ihrem ältesten Sohn, nicht stimmte. Sie musste ihn im Auge behalten. Auf Frank war kein Verlass, er bemerkte vieles nicht, außerdem war er zu wenig da. War glücklich, wenn er ihr entfliehen konnte. Schon lange glaubte sie nicht mehr an seine Überstunden. Wirklich verübeln konnte sie ihm eine Affäre nicht. Von der Frau, die er vor 15 Jahren geheiratet hatte, war nichts mehr da und sie war viel zu erschöpft, um einen möglichen Seitensprung aufzudecken.
Sie ging zum Kaminsims und nahm das Foto von Judith und sich. Das Bild war vor zwei Jahren auf Korfu entstanden. Selten hatte sie ihre Freundin so glücklich und entspannt gesehen. Es war die schönste Woche seit ihrer Hochzeitsreise gewesen. Die beiden hatten nächtelang getanzt, Wein getrunken, gelacht und jeden einzelnen Sonnenstrahl genossen. Ein Zufall hatte sie vor Jahren zusammengeführt. Schnell hatten sie die gleichen Interessen gehabt und sich blind verstanden. Sie hatte Judith bewundert. Ihre Freundin war eine taffe, selbstbewusste Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben stand. Und dann passierte das, wovor Judith immer Angst gehabt hatte. Brustkrebs. Sie hatte versucht, Judith beizustehen, ging mit ihr zu Ärzten, durchsuchte nächtelang das Internet, recherchierte nach Therapien und Kliniken. Es war zu spät. Vier Monate später warf Judith sich vor den Zug. Ohne ein Wort. Ohne Abschied. Sie hatte nicht gewusst, wie schlecht es ihrer besten Freundin wirklich ging. Aber wer, wenn nicht sie, hätte das bemerken müssen? Liebevoll streichelte sie Judiths strahlendes Gesicht. Ich brauche dich. Ich brauche deinen Rat, deine warme Hand, dein Lachen. Warum hatte ihr dieses beschissene Leben noch nicht einmal den einzigen Menschen, dem sie vertraute und der sie wirklich kannte, gelassen?
Sie zog ein Buch aus dem Regal. Lebensratgeber. Vor Jahren, als sie noch Kraft und so etwas wie einen Willen hatte, schrieb sie Tagebücher mit Vorsätzen, Listen und Ermutigungen voll. Alles hielt nur von kurzer Dauer und die Flamme der Hoffnung erlosch genauso schnell, wie sie entstanden war. Sie zog ein zweites Buch aus dem Schrank, dann ein drittes. Ließ eins nach dem anderen fallen, bis das ganze Regal leergeräumt war. Das war ihr Leben. Ein Haufen nicht umgesetzter Wünsche. Sie war nicht fähig, Pläne umzusetzen und sich an dem zu freuen, was sie bereits hatte. Eine Familie, ein Haus, ein Job. Alles erschien ihr nur als Last. Warum konnte sie nicht glücklich werden, warum reichte ihr das Leben, das sie hatte, nicht? Warum war sie für alles zu müde? Warum begeisterte sie nichts mehr?
Sie beschloss, zum Bahnhof zu gehen. Hier fühlte sie sich ihrer Freundin näher als auf dem Friedhof. Sie setzte sich auf die Bank und sah auf die Anzeige. 10:42 Uhr. In 7 min würde der ICE nach Hamburg durchfahren. Genau diesen Zug hatte ihre Freundin gewählt.
Sie wusste, viele taten es als Spinnerei ab, aber an dem Tag an dem Judith starb, kurz vor elf, saß sie im Büro und spürte eine Eiseskälte in sich. Damals konnte sie nicht einordnen, woher diese Kälte kam, die ihr Herz für Sekunden so fest umklammerte, dass ihr die Luft wegblieb. Später wusste sie es. Sie hatte Judiths Tod gespürt.
Sie sah auf die schimmernden Gleise. Sie musste nur einmal mutig sein. Nur einmal wirklich entschlossen sein. Dann war alles vorbei. Die Jungen würden traurig sein, aber irgendwann würden sie es verstehen. Sie brauchten eine starke Mutter. Und Frank? Vielleicht wäre er sogar froh, wenn sie weg war. Wenn er die Chance auf ein unbeschwertes Leben wiederbekäme. Mit langsamen Schritten ging sie auf den Bahnsteig, trat über die Linie, die sie als Kind so gefürchtet hatte. Gleich würde der Zug kommen. Sie musste einfach stehenbleiben und im richtigen Moment springen. Ihre Beine zitterten und sie spürte, wie Schweiß in ihrem Nacken ausbrach.
„Hey, bist du nicht die Mama von Simon?“ Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Aber du stehst verdammt nah am Gleis, merkst du das nicht?“
Sie blinzelte in das Gesicht der Frau, die ihr gegenüber stand.
„Ich bin Claudia, wir haben uns letzte Woche auf dem Elternabend gesehen. Wir sind die Neuen.“
„Ja, natürlich…Entschuldigung, ich war mit den Gedanken ganz woanders.“ Sie konnte sich nicht erinnern, die Frau letzte Woche schon gesehen zu haben.
„Ist alles in Ordnung mit dir? Du bist ganz blass.“
„Ja, ist nur der Kreislauf. Alles gut.“
„Soll ich dich mit nach Hause nehmen?“
„Nein, ich hole noch jemanden ab. Aber danke.“
„Ok, ich muss jetzt los. Wir sehen uns bestimmt bald wieder. Deine Söhne spielen auch Fußball, oder?“

“Ja. Bis bald.” Der Zug nach Hamburg rauschte an ihr vorbei.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

 

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