Osterhasen gibt es doch!

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Osterhasen gibt es doch!

Hansi reckte und streckte sich und gähnte ungeniert. Die Nacht war kurz gewesen und je älter er wurde, desto mehr spürte er seine Glieder. Aber das war es ihm wert. Ab morgen konnte er sich für den Rest des Jahres ausruhen. Er spannte seine Hosenträger, zupfte sein Halstuch zurecht und putzte sich mit den Vorderpfoten die Ohren.
Auch dieses Jahr war er für das Haus der Schneiders in der Blumengasse zuständig. Er mochte die kleine Familie – die Mutter Charlotte, Frieda und ganz besonders den kleinen Lukas. Zusammen mit dem Großvater trafen sie sich jedes Jahr nach dem Osterfrühstück im Garten. Hansi war froh, dass die Familie Ostern noch ganz traditionell feierte und es nicht nur darum ging, wer das neueste Handy oder die teuersten Sneaker bekam. Seinen jüngeren Kollegen war das egal, aber Hansi bestand auf Ostern, wie er es von der Pike auf gelernt hatte. Eier einfärben, Schokoladeneier verpacken und gute Verstecke ausfindig machen. All das hatte er in den letzten Wochen erledigt. Heute Morgen hatte er die Eier dann in seinem großen Korb auf dem Rücken hergetragen und im Garten versteckt. Dabei musste er höllisch aufpassen, dass ihn niemand sah. Die oberste Osterhasenregel besagte, sich niemals erwischen zu lassen.
Das Tor quietschte und Frieda stürmte als Erste in den Garten. Sie konnte es nicht abwarten, mit der Suche zu beginnen. Das Wetter meinte es gut mit ihnen, die Sonne versprühte Frühlingswärme. Hansi wusste das sehr zu schätzen, er hatte seine Eier schon bei Regen, Sturm und im Schnee verstecken müssen.
„Lukas! Luuuuukas!“ Friedas Ruf hallte bis zur Hecke, in der Hansi sich versteckt hielt. Wie immer wartete die Familie auf den kleinsten, der so ganz anders als seine quirlige Schwester war.
Plötzlich bemerkte Hansi einen Schatten, der auf die Hecke zukam. Das war Lukas! Mit schnellen Bewegungen schob der Junge Blätter und Zweige auseinander und zwängte sich durch das Gestrüpp. Noch ein Schritt, dann würde er in Hansis Korb treten.
„Stop!“ rief der Hase und hielt sich sofort die Pfote vor die Schnauze. Lukas fiel vor Schreck auf den Hintern. Sekundenlang starrten sich beide an.
“W-w-wer bist du?“ Vor Aufregung begann Lukas zu stottern.
„Ich bin der Osterhase. Keine Angst, ich tue dir nichts“, flüsterte Hansi.
„Du kannst sprechen?“
„Klar kann ich sprechen! Warum denn nicht?“
„Weil…Tiere können nicht sprechen und eigentlich gibt es dich doch gar nicht!“ Frieda hatte ihm gesagt, dass Mama und Opa die Eier versteckten.
„Natürlich gibt es uns Osterhasen, du siehst mich doch“. Er rückte seine Brille zurecht und reichte dem Jungen die Pfote. „Ich bin Hansi.“
„Ich heiße Lukas.“ Zögerlich nahm er die Pfote. Sie war kuschelig warm und weich.
„Ich weiß. Ich kenne alle Kinder, denen ich die Ostereier bringe. Genau wie der Weihnachtsmann.“ Stolz lies Hansi die Hosenträger an sein rundes Bäuchlein flippen.
„Warst du denn letztes Jahr auch hier?“
„Na klar. Und ich habe gesehen, dass deine Schwester fast alle Eier gefunden hat. Das tut mir leid. Ich hatte sie gerecht verteilt.“
„Frieda ist immer schneller als ich. Dabei ist das ungerecht. Sie ist schon acht und ich bin erst fünf Jahre alt.“ Zur Bestätigung hob er seine Hand.
„Mach dir nichts draus. Dieses Jahr helfe ich dir.”
„Wirklich? Wie denn?“ Lukas wippte aufgeregt mit den Füßen.
„Du musst nichts weiter tun, als aufmerksam zu sein und du wirst eine Menge Eier finden. Jetzt geh schnell zu den anderen, bevor sie ärgerlich werden. Ich kümmere mich um den Rest.“ Hansi Ohren wackelte.
„Ok.“ Lukas nickte, zwängte sich durch Hecke und lief mit geröteten Wangen zu seiner Familie.
„Na endlich!“ Frieda hatte ihre Hände in die Hüfte gestemmt und sah ihn böse an. „Wir warten!“
„Wo warst du? Hast du was ausgefressen?“ Mama zupfte ihm ein Blatt aus Haar.
„Nein. Ganz bestimmt nicht.“
„Ist doch egal! Jetzt ist er ja hier.“ Opa tätschelte seinem Enkel liebevoll den Kopf. „Nehmt eure Körbe! Dann fangen wir an. Auf die Plätze…fertig…los!“ Sofort rannte Frieda zur großen Eiche.
„Ich hab eins!“ Stolz hielt sie ein rotes Ei in die Höhe.
Lukas nahm sein Körbchen und schlenderte los. Hansi hatte gesagt, er solle genau schauen, dann würde er auch etwas finden.
„Hab eins!“ rief Frieda wieder. „Und noch eins!“
Na toll. Lukas Augen füllten sich mit Tränen. Genau wie letztes Jahr. Wo blieb Hansi? Er hatte doch gesagt, er würde ihm helfen?
Im nächsten Moment sah er etwas im Gras glitzern. Ein wunderschönes, goldenes Ei lag genau vor seinen Füßen.
„Ich hab eins!“
„Wo hast du das denn gefunden?“, rief Frieda ungläubig.
„Hier.“ Lukas streckte seinen kleinen Finger auf den Boden.
Mit dem Blick eines Jagdhundes suchte Frieda nun die Stelle ab. Lukas ging in die andere Richtung und fand ein weiteres Ei. Es glänzte silbern mit vielen bunten Punkten darauf. Hansi hatte sich wirklich viel Mühe gegeben! Da war noch eins! Ein blaues, das war seine Lieblingsfarbe. Nach einer Weile war sein Körbchen gut gefüllt.
„Die sind wunderschön Lukas! Hast du die alle hier im Garten gefunden?“ Mama drehte sich zu Opa und zwinkerte ihm zu.
„Ja, die sind wirklich toll, ich weiß nur nicht, wie…” Opa kratzte sich verwundert am Kopf.
„Ich will auch solche! Warum habe ich die nicht gefunden?“
„Weil du nicht gut gesucht hast!“ Lukas konnte seinen Triumph über die Schwester nicht verbergen.
„Das ist ungerecht!“ Fridas Gesicht lief rot an und sie stürmte in das Baumhaus, in das sie sich meistens verzog, wenn sie schlechte Laune hatte.
„Also, ich weiß beim besten Willen nicht, wo die herkommen“, flüsterte Opa.
„Papa, ich glaube du brauchst einen Eierlikör. Frieda beruhigt sich schon wieder, du kennst sie doch.“ Charlotte hakte sich bei ihrem Vater unter und ging mit ihm ins Haus. Lukas kletterte die Treppe hoch zum Baumhaus.
„Geh weg! Lass mich in Ruhe!“
„Hier.“ Er reichte seiner Schwester das goldene Ei.
„Ich will das nicht mehr. Kannst du behalten.“ Sie wischte sich die Tränen von der Wange. „Warum hast du alle schönen Eier gefunden? Opa ist gemein.“
„Die sind nicht von Opa“, sagte Lukas leise.
„Natürlich sind sie das. Du glaubst jawohl nicht, dass die vom Osterhasen sind!“
„Doch. Ich hab ihn gesehen.“
„Ja klar. Geh weg, du Baby.“
Lukas überlegte. Er wollte Hansi nicht verraten, aber er konnte Frieda einfach nicht traurig sehen. Und schon gar nicht wollte er, dass sie dachte, Opa wäre an allem schuld.
„Komm, ich zeig dir was.“
„Was denn?“
„Wer die Eier gemacht hat.“
Frieda zögerte einen Augenblick, dann gewann ihre Neugier.

Opa Fritz zog die Vorhänge für seinen Mittagsschlaf zu. Aus einem Eierlikör waren fünf geworden und er spürte eine angenehme Schläfrigkeit. Plötzlich sah er, wie seine Enkel eine Tüte Möhren zur Hecke schleppten. Frieda nicht mehr sauer zu sein, zum Glück! Ihr Hitzkopf verrauchte meistens genau so schnell, wie er gekommen war. Aber was zum Teufel wollten die beiden jetzt mit dem Gemüse? Egal. Es würde schon nicht für den Osterhasen sein.

Ⓒ Katrin Seliger

Erschienen in der Anthologie “Wie aus den Ei gepellt” im Papierfresserchens MTM-Verlag

 

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