Pedro

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Pedro

Ich hasse Auto fahren. Aber noch schlimmer als das laute Brummen des Motors, ist das eingesperrt sein in diesem kleinen Käfig. Ich passe mittlerweile nur noch mit Mühe hinein, an drehen ist gar nicht mehr zu denken. Ich frage mich, wohin mein Frauchen fährt. Zum Tierarzt dauert es normalerweise nicht so lange, außerdem hat sie erst vor kurzem alle Impfungen bei mir auffrischen lassen. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Ich miaue kläglich und sofort folgt ihre beruhigende Stimme.
„Alles gut, Pedro, wir sind gleich da.“
Ich liebe es, wenn sie so sanft mit mit spricht. Ich schiebe noch ein Miauen hinterher und ernte erneut einen liebevollen Wortschwall. Das ist fast so gut wie gekrault werden. Nur nicht am Bauch.
Nach einiger Zeit stoppt das Auto. Neugierig stoße ich meinen Kopf gegen die Käfigtür. Ich muss dringend aufs Klo und Hunger habe ich auch. Betty nimmt mich aus dem Wagen und geht mit mir weiter. Langsam werde ich ungeduldig. Sie kann mich jetzt ruhig mal rauslassen, ich kann selber laufen. Nach einer Weile bleiben wir stehen. Sie öffnet die Käfigtür und ich schieße mit einem Satz hinaus. Wenn ich richtig sehe, sind wir mitten im Wald, die Gerüche machen mich ganz verrückt und ich springe wild umher.
„Pedro, komm her.“ Ich renne zu Betty und beginne zu schnurren. Eine tolle Idee, einen Ausflug zu machen! Sie nimmt mich auf den Arm und drückt mich fest an sich. Ich spüre einen nassen Fleck auf meinem Kopf. Frauchen weint! Schnell lecke ich ihr übers Gesicht, das mache ich immer, wenn sie traurig ist. Meistens tröstet sie das ganz schnell.
„Pedro, es tut mir so leid, aber ich muss das einfach machen. Ich habe keine andere Wahl.“ Sie drückt mir einen Schmatzer mitten auf die Schnauze. „Ich liebe dich.“
Tränen rollen über ihr liebes Gesicht. Ich werde ganz unruhig, wenn sie so ist! Was ist denn nur los? Sie kramt in ihrer großen Handtasche und ich höre bereits am Knistern, was gleich zum Vorschein kommen wird. Katzensticks! Die gibt es sonst nur an meinem Geburtstag oder an Weihnachten. Heute muss ein ganz besonderer Tag sein!
Betty legt mir gleich vier Leckerlis vor die Nase und ich vergesse alles um mich herum. Ich bin süchtig nach den Dingern. Genüsslich mampfe ich alle auf. Als ich fertig bin, ist sie verschwunden. Komisch. Normalerweise sagt Frauchen immer, wohin sie geht und wann sie zurückkommt. Ich folge ihrem Duft, mein Riechorgan funktioniert noch ausgezeichnet, aber irgendwann verliere ich ihre Spur und weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Außerdem habe ich tierischen Durst, diese Sticks sind verdammt gut gewürzt. Ich laufe zum nahegelegenen Bach und schlabbere minutenlang das frische Wasser. Das tut gut! Aber wo ist Betty? Ich maunze so laut ich kann.
„Vergiss es. Sie kommt nicht wieder.“ Erschrocken springe ich in Angriffshaltung und lege meine Ohren zurück. Ein paar Meter neben mir sitzt eine ziemlich zerzauste Katze mit funkelnden, grünen Augen.
„Wer bist du? Und woher willst du das wissen?“ Fremde Katzen sind mir sehr suspekt.
„Ich bin Miffi. Mein Frauchen hat genau dasselbe gemacht. Mich hat sie auch in diesem Korb hier rausgeschleppt, dann abgelenkt und weg war sie. Ich bin genau wie du durch den Wald geirrt und habe irgendwann die Orientierung verloren.“
„Ich habe nicht die Orientierung verloren! Ich wollte nur ein wenig trinken.“
„Sicherlich. Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Du hast keinen Schimmer, wo du gerade bist.“ Die Katze grinst und ihre Augen funkeln noch intensiver.
Ich gebe mich geschlagen und maunze kurz. Sie hat ja recht.
„Ich kann nicht glauben, dass Betty mich hier ausgesetzt hat. Ich bin seit 13 Jahren bei ihr! Warum tut sie mir das an? Sie war immer so lieb zu mir.“
Miffi kommt auf mich zu. Sie muss schon eine ganze Weile hier draußen leben, sie riecht nicht besonders gut und in ihrem Fell sitzt einiges an Ungeziefer. Trotzdem hat sie die schönsten Augen, die ich je gesehen habe.
„Überleg mal. Hat dein Frauchen einen neuen Freund? Kinder? Seit ihr umgezogen? Bei mir war das so und für mich war plötzlich kein Platz mehr.“ Sie sieht mich mit traurig an. Herrje, ich kann einfach keine traurigen Frauen sehen. Ich lecke ihre Stirn und sie fängt augenblicklich an zu schnurren.
„Hast du Hunger?“ Sie läuft ein paar Meter zum Fluss und zeigt mir eine Maus. „Die habe ich vorhin erst gefangen.“
Eigentlich esse ich keine Beute von anderen Katzen, aber ich habe immer noch so großen Hunger, dass ich alle Bedenken über Bord werfe und die noch lauwarme Maus gierig verschlinge.
„Komm, ich zeige dir meinen Schlafplatz. Liegt sehr geschützt. Da sind wir ungestört.“ Tatsächlich hat Miffi sich in einer kleinen Höhle eingenistet, es ist kuschelig warm hier drinnen. Ich spüre, wie erschöpft ich bin und lasse mich in ihr Versteck fallen. Miffi schmiegt ihren Kopf an meinen und ein paar Augenblicke später schlafen wir aneinander gekuschelt ein. Kurz bevor ich einnicke, beschließe ich, morgen früh sofort weiter nach Betty suchen. Sie hat keinen neuen Freund, dass wüsste ich. Ich muss herausfinden, warum sie mich hierher gebracht hat. Das kann alles nur ein großer Irrtum sein.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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