Unterwasserliebe

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Unterwasserliebe

Gerade als Marie ihr Auto vor dem Schwimmbad parkte, entluden sich die grauen Wolken über der Stadt mit einem gewaltigen Regenguss. Der November machte seinem Ruf als kalter und regnerischer Monat alle Ehre. Schnell schloss sie ihr Auto ab und lief zum Eingang. Wohlige Wärme und der typische Chlorgeruch empfingen sie. Das alte Unibad war schon sehr in die Jahre gekommen und hätte eine Renovierung dringend nötig gehabt, aber dafür suchte man hier vergeblich nach kreischenden Kindern mit riesigen Reifen, die einem das Schwimmen unmöglich machten. Als sie die Umkleidekabine betrat, stach ihr sofort ein Zettel an ihrem Spind ins Auge. Offiziell war die Nummer 201 natürlich nicht ihr Eigentum, aber unter den Stammschwimmern am Abend hatte sich eine Routine in der Benutzung der Schränke eingeschlichen. So wie man sich auch in der Mensa immer wieder auf denselben Platz setzte, ohne dass man wirklich einen Anspruch darauf hatte.
„ICH WERDE DIR NIEMALS VERGEBEN!“, stand in fett ausgedruckten Buchstaben auf dem Papier. Marie seufzte. Stefan würde es nie kapieren. Seit einem Jahr waren die beiden nun schon getrennt, seit drei Monaten hatte sie sogar einen neuen Freund, aber noch nicht einmal das schreckte ihren Ex ab, ihr immer wieder nachzustellen. Liebesschwüre, Anklagen und wehleidiges Gejammer verfolgten Marie seit der Trennung regelmäßig.
„Akzeptiere es endlich und lass den Scheiß! Es nervt!!!“ Sie fotografierte den Zettel und schickte die Nachricht per WhatsApp an Stefan. Bis jetzt hatte Marie sein Verhalten stillschweigend toleriert, was wohl auch an ihren Schuldgefühlen lag, aber nun war ihre Geduld am Ende. Jetzt drang er sogar schon in die Damenumkleide ein, um ihr zu drohen. Der Typ wurde ja langsam völlig verrückt! Verärgert steckte sie das Handy in die Tasche und begann, sich umzuziehen. Plötzlich hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Hastig sah sie sich um. Niemand außer ihr war in der Umkleidekabine, dabei hätte sie schwören können, dass jemand hineingekommen war. Schnell huschte sie in ihren Badeanzug, band sich einen Zopf und nahm die Schwimmbrille. In der Dusche drehte sie den Hahn auf und ließ das warme Wasser über ihren Kopf laufen. Sie genoss das Ritual, sich vor dem Schwimmen den Alltagsstress vom Körper zu spülen. Langsam bewegte sich die Türklinke auf und ab, so als ob jemand unentschlossen war, hineinzukommen. Maries Herz begann gegen ihre Brust zu hämmern.
„Hallo? Ist da jemand?“ Sie legte das Handtuch um ihren fröstelnden Körper und öffnete die Tür. Draußen war niemand zu sehen. Merkwürdig. Hatte sie sich das nur eingebildet? Oder erlaubte sich jemand einen Scherz mit ihr? Ein Schauer lief über ihren Rücken. Einen Moment überlegte sie, sich wieder anzuziehen und so schnell wie möglich nach Hause zu fahren.
Sei kein Angsthase, mahnte sie sich selbst und ging mit festen Schritten in die Schwimmhalle. Erleichtert stellte sie fest, dass außer ihr noch zwei andere Schwimmer im Becken waren. Michael, der wie sie fast jeden Abend kam und eine Frau, die sie nicht kannte. Es beruhigte Marie, dass sie nicht allein war. Sie holte tief Luft und sprang mit dem Kopf voran ins Wasser. In schnellen Zügen schwamm sie eine Bahn nach der anderen. Sie war so in ihrem Element, dass sie gar nicht bemerkte, wie schnell die Zeit verging. Als sie eine Pause machte, sah sie, dass die beiden anderen bereits gegangen waren. Sofort beschlich Marie ein mulmiges Gefühl. Noch vier Bahnen, dann gehe ich. Als sie in der Mitte des Beckens angekommen war, erlosch plötzlich das Licht.
„Hey, was soll das? Ist hier jemand?” Das reichte. Sie musste hier sofort raus. Wo war eigentlich der Bademeister, wenn man ihn brauchte? Etwas, das sich wie ein Fisch anfühlte, streifte ihren Fuß. Marie schrie auf und schwamm so schnell sie konnte zum Beckenrand. Sekunden bevor sie die Leiter erreichte, packte eine Hand ihren Knöchel und zog sie herunter. Marie versuchte , sich aus der Umklammerung zu lösen, aber der Griff war eisern und stark. Panisch strampelnd gelang es ihr, an die Oberfläche zu kommen. Sie schnappte gierig nach Luft. “Hilfe!” Sofort wurde sie wieder unter Wasser gezogen. Verzweifelt versuchte Marie, ihren Fuß zu befreien. Sie konnte die Person, die sie festhielt, nur schemenhaft erkennen, aber sie glaubte, sie schon mal gesehen zu haben und spürte, dass dies kein Scherz war, sondern bitterer Ernst. Was um alles in der Welt hatte sie getan? Noch einmal gelang es ihr, sich nach oben zu kämpfen und nach Luft zu schnappen. Dann verschwand ihr Kopf unter der Wasseroberfläche.

Hannoversche Allgemeine – Mordfall Marie K. gelöst

Hannover – Eine Woche nach dem brutalen Mord an der Studentin Marie K., die am 20.11.2014 im Schwimmbad der Leibniz Universität ermordet wurde, steht der Fall kurz vor der Aufklärung.

Als dringend tatverdächtig wurde gestern die Ex-Freundin des neuen Lebensgefährten von Marie K. in ihrer Wohnung festgenommen. Sie wird verdächtigt, dem Opfer am Tattag ins Schwimmbad gefolgt und sie dort ertränkt zu haben. Vermutlich brachte sie kurz vor der Tat die Elektrizität im Sicherungsraum des Schwimmbads zum Erliegen, um so den diensthabenden Bademeister aus der Halle zu locken. Als Motiv geht die Polizei von Eifersucht aus.

Stefan R., der Ex-Freund des Opfers, konnte schnell als Tatverdächtiger ausgeschlossen werden. Zwar hatte er Marie K. Monate vor ihrem Tod immer wieder mit Nachrichten und Anrufen nachgestellt, jedoch war er zur Tatzeit mit einer Gruppe von Freunden im Urlaub. Vermutlich wollte die jetzt Tatverdächtige den Verdacht auf Stefan R. lenken, indem sie kurz vor dem Eintreffen des Opfers im Schwimmbad eine Drohung an deren Umkleidespind hängte. Vermutlich hatte sie Marie K. vor der Tat über einen längeren Zeitraum ausspioniert.

Die Tatverdächtige sitzt derzeit in Untersuchungshaft und schweigt zu allen Vorwürfen.

Ⓒ Katrin Seliger

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