Die Schatzsuche

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Die Schatzsuche

Ungläubig starrte Simone auf das Haus, in dem sie einen Großteil ihrer Kindheit verbracht hatte. Sie hatte Julias Zuhause als Villa Kunterbunt in Erinnerung gehabt, mit schönen grünen Fensterrahmen und einem roten Dach. Die Fenster waren nun durch doppelglasige Scheiben in weißen Kunststoffrahmen und die morschen Dachpfannen durch blau schimmernde Platten ersetzt worden. Doch die größte Veränderung hatte der Garten erleiden müssen. Er war das Herzstück des Hauses gewesen, verwildert, mit hohen Obstbäumen, Sträuchern und Büschen, in denen man prima verstecken spielen konnte. Bis auf die Hecke war alles der Säge zum Opfer gefallen. Marmorfiguren säumten die Hofeinfahrt und statt Rasen waren tausende von Kieselsteinen ausgestreut worden, so dass kein Grashalm mehr die Oberfläche erreichen konnte.

Simone dachte oft an die unbeschwerte Zeit mit ihrer Freundin zurück. Die beiden Mädchen waren seit dem ersten Schultag unzertrennlich gewesen, obwohl sie nicht unterschiedlicher hätten sein können. Simone war ein Einzelkind, schüchtern und streng behütet. Julia dagegen die älteste von vier Geschwistern, laut, ungestüm und selbstbewusst. Ihre Mutter war alleinerziehend und arbeitete, nachdem der Jüngste in den Kindergarten kam, im Schichtdienst im Krankenhaus. Julia passte daher oft auf ihre kleinen Geschwister auf und Simone konnte sich nichts schöneres vorstellen, als sie dabei zu unterstützen. Wann immer es ihre Eltern erlaubten, ging sie gleich nach der Schule zu Julia. Die stand dann noch oft mit roten Wangen am Herd kochte Spaghetti. Nach dem Essen brachten sie gemeinsam den kleinen Anton ins Bett. Der Kindergarten machte ihn so müde, dass er bereits beim Essen einschlief.
Wenn das Wetter es zuließ, gingen sie in den Garten und erledigten ihre Hausaufgaben im Baumhaus. Julia brauchte dafür immer länger. Simone vertrieb sich die Zeit derweil in der Hängematte. Wenn sie doch zu ungeduldig war, ließ sie ihre Freundin einfach abschreiben.
Am Nachmittag backten sie Karamellbonbons oder Kekse und veranstalteten ein Picknick. Mit den Nachbarskindern dachten sie sich eine Geheimsprache aus und spielten “Zora und die Rote Bande” oder die “Drei Fragezeichen”. Wenn sie für sich waren, spielten sie Mutter und Vater mit dem kleinen Anton, der Simones Betütern geduldig über sich ergehen ließ. Wahrscheinlich genoss er die seltene, ungeteilte Aufmerksamkeit. Oft lagen die beiden auch im Feld hinter dem Haus, beobachteten die Wolken und dachten sich dabei Geschichten aus. Die Mädchen besaßen eine beneidenswerte Fantasie.
Am meisten liebte Simone es aber, Zoo zu spielen. Dazu holten sie die Plüschtiere aller Geschwister (und Nachbarskinder) aus dem Haus und bauten Gehege aus Sträuchern, in die sie die Tiere setzten. Unter dem schönen Lindenbaum im Vorgarten gruben sie eine Kuhle, legten sie mit einer Plane aus und füllten sie so gut es ging mit Regenwasser. In Antons alter Plastikbadewanne boten sie dann den Nachbarskindern Bootsfahrten für 5 Pfennig an. Jeder Tag mit Julia und ihren Geschwistern war für Simone ein Abenteuer und sie genoss es in vollen Zügen.

Als sie eines Tages wieder zu ihrer Freundin ging, öffnete Julia mit Tränen in den Augen die Tür.
„Wir ziehen um“, sprudelte es aus ihr heraus.
„Was? Warum? Wohin?“ Simones Herz zog sich zusammen.
„Nach Dortmund! Kannst du dir das vorstellen? Mama hat einen neuen Freund und will zu ihm ziehen! Das ist so gemein!“
Simone wusste nicht genau, wo Dortmund lag, aber sie ahnte, dass es weit weg war.
Tina trat aus der Küche und streichelte ihrer Tochter liebevoll über den Kopf. Trotz ihres jungen Alters spürte Simone, wie schwer es ihr fiel, ihren Kindern den Umzug zuzumuten.
„Lass das!“ Julia entriss sich der Geste und rannte in den Garten.
„Ihr könnt euch immer besuchen“, sagte Tina und Simone nickte stumm.
Sie fand Julia mit rotem Gesicht im Baumhaus.
„Ich will hier nicht weg!“ Sie stampfte mit den Füßen auf den Boden, so dass das ganze Baumhaus wackelte.
„Ich will auch nicht, dass du wegziehst“, sagte Simone leise und fing an zu weinen.
Sofort wechselte Julia in den Beschützermodus. Sie konnte die Traurigkeit ihrer Freundin noch weniger ertragen als ihren eigenen Kummer.
„Ich habe eine Idee!“ Ihre Augen blitzten. „Wir vergraben eine Schatzkiste! Da können wir Fotos, unsere Briefe und Glücksarmbänder reinlegen! Die bleibt immer hier!“ Genauso taten sie es. Die beiden bemalten eine kleine Holzkiste mit Herzen, einer Sonne und Blumen und schrieben ihre Namen darauf. Sie legten die Kiste in die Kuhle, die inzwischen getrocknet war, und gruben sie zu.
„Irgendwann kommen wir wieder und buddeln sie aus!“ Nicht eine Sekunde dachten sie daran, dass vielleicht eine andere Familie in ihre Villa Kunterbunt ziehen könnte. Dieses war ihr Haus und würde es immer bleiben.
Nur ein Jahr nach Julias Auszug trennten sich Simones Eltern und sie zog mit ihrer Mutter ins weit entfernte Berlin. Aus den anfänglich regelmäßigen Ferienbesuchen der Freundinnen wurde eine Brief- und später eine Facebook-Freundschaft. Beide wurden zu jungen Frauen mit einem eigenen Leben, einer eigener Familie, Job und Alltagssorgen, die den Zauber der Kindheit mit jedem Jahr mehr verblassen ließ.

„Junge Frau, kann ich ihnen helfen?“ Ein älterer Herr öffnete die Haustür und sah Simone fragend an. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie schon eine ganze Weile vor dem Haus gestanden haben musste.
„Entschuldigung.“ Simone erröte und wich einen Schritt zurück. „Es ist nur…ich kannte mal eine Familie, die hier gewohnt hat.“
„Tatsächlich?“ Neugierig trat er an den metallisch glänzenden Gartenzaun. „Das können nur die Hottentotten gewesen sein, die hier vor uns gehaust haben! Sie können sich nicht vorstellen, wie der Garten aussah! Überall Löcher und irgendwelches Gestrüpp. Da ist jahrelang nichts gemacht worden. Vom Haus mal ganz abgesehen. Das war harte Arbeit, alles wieder in Schuss zu bringen!“ Er winkte ab, konnte aber den Stolz auf sein Werk nicht verbergen. „Die Mutter war wohl alleinerziehend mit ihren vier Gören. Wenn sie mich fragen, fehlte da der Mann im Haus! Aber die meinen sie bestimmt nicht, oder?“ Er lachte schallend und hielt sich den dicken Bauch.
Doch. Genau diese Familie meinte Simone. Sie waren die tollsten Menschen, die sie kannte und mit ihnen hatte sie genau hier die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht.
„Da stand früher ein Baum, richtig?“ Sie zeigte in den Vorgarten.
„Ja, das stimmt, eine alte Linde. Die musste weg.“
„Haben sie beim Umgraben im Garten irgendetwas gefunden?“
„Nein, nichts“. Der Mann sah Simone erstaunt an und räusperte sich dann. „Entschuldigen Sie, aber ich habe nicht so viel Zeit. Wir fahren noch heute in den Urlaub.“ Er zeigte auf den silbernen Camper, der mit Sicherheit ein Vermögen gekostet hatte.
„Ja, natürlich. Entschuldigen sie bitte, dass ich sie aufgehalten habe. Auf Wiedersehen und einen schönen Urlaub.“
Sie spürte den Blick des Mannes auf ihrem Rücken, bis sie hinter der Straßenecke verschwunden war.

Bei Anbruch der Dunkelheit fuhr Simone zurück zum Grundstück. Und tatsächlich, der Wohnwagen stand nicht mehr an seinem Platz. Die Idee zu ihrem Vorhaben war spontan gekommen, und hatte sie von dem Moment an nicht mehr losgelassen. Überrascht von ihrer eigenen Entschlusskraft und ihrem Mut, fühlte sie sich beflügelt und lebendig wie schon lange nicht mehr. Die Zeit bis zum Abend hatte sie sich in der Stadt mit Kaffee trinken, spazieren gehen und einer gespannten Vorfreude im Bauch vertrieben. Nun, da sie wieder vor dem Haus in der Bergstraße stand, krochen erstmals Bedenken in ihr hoch.
Du ziehst das jetzt durch, befahl sie sich und stieg aus dem Wagen, den sie einige Meter entfernt von dem Haus Nr. 17 geparkt hatte. Entschlossen holte sie den Spaten, den der freundliche Mitarbeiter im Baumarkt ihr als stabilsten empfohlen hatte, aus dem Kofferraum.
Das Tor quietschte, als sie es aufschob und sie hielt kurz inne. Die Gegend wirkte so, als ob mittlerweile viele ältere Leute hier lebten und sie hoffte, dass die meisten schon schlafen gegangen waren. Oder zumindest nicht mehr gut hörten.
Im Schein ihrer Taschenlampe versuchte sie, sich an den Platz der Linde zu erinnern. Wie hatte dieser Idiot sie nur fällen können! Plötzlich fiel ihr etwas ein. Julia und sie hatten einmal vom Gartenzaun der Nachbarn bis zur Linde ein Seil gespannt, um Artisten zu spielen. Der Nachbarszaun war zwar ebenfalls erneuert worden, stand aber mit Sicherheit noch am selben Platz. 20 Schritte waren es von dort bis zur Linde gewesen. Kinderschritte, die wohl jetzt zehn entsprachen würden. Sie wusste, dass sie das Seil unterhalb vom Fenster des Nachbarsjungen an den Zaun geknotet hatten, damit er sie auf jeden Fall gut sehen und applaudieren konnte. Auf Höhe des Fensters machte sie zehn lange Schritte. Noch zwei weitere, um den Umfang der Linde abzupassen. Hier ungefähr musste die Kiste ein! Energisch rammte sie den Spaten in den Kies und begann zu graben. Die Kieselsteine waren zum Glück nur dünn geschichtet und schon bald kam Erde zum Vorschein. Jetzt begann der schwierige Teil. Obwohl sie gut trainiert war, fing sie bereits nach ein paar Minuten an zu keuchen. Wie tief war die Kuhle gewesen? Da sie die als Kinder schon selbst ausgegraben hatten, konnte sie nicht so tief sein. Vermutlich war sie an der falschen Stelle. Sie grub ein paar Meter weiter nach links, fand aber wieder nichts. Inzwischen war es dunkel geworden, der Schein ihrer Taschenlampe, die auf dem Boden lag, spendete nicht mehr viel Licht. Hoffentlich hielt die Batterie noch etwas durch.
„Da kannst du lange buddeln“, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. Vor Schreck ließ sie den Spaten fallen. Jemand blendete ihr mit einer Taschenklampe direkt ins Gesicht. Verdammt, der Alte war zurück!
„Es ist nicht so wie es aussieht!“, stammelte sie und hielt sich die Hand vor die Augen.
„Nein? Du suchst nicht etwa euren Schatz?“ Die Stimme klang eher belustigt als verärgert, und viel jünger als heute Morgen. Langsam nahm sie die Hand von den Augen, als der Strahl der Taschenlampe auf den Boden glitt. Blitzschnell griff sie nach ihrer eigenen und leuchtete dem Mann ins Gesicht. Vor Überraschung wich sie einen Schritt zurück.
„Thomas!?“
„Volltreffer!“ Er bekam sich kaum noch ein vor Lachen. „Ich habe dich heute Morgen auch sofort wieder erkannt!“
Simone wusste nicht, ob das ein Kompliment war oder nicht, aber das war im Moment auch vollkommen egal.
„Ich…äh…wollte das eigentlich nicht, das war so eine spontane Idee“, stammelte sie verlegen.
„So spontan, dass du einen Spaten dabei hast“, grinste er.
„Du wohnst also immer noch hier?”
„Ja, hab das Haus von meinen Eltern geerbt.“
„Und heute Morgen hast du mich auch schon gesehen? Woher wusstest du, dass ich jetzt wiederkomme?“
„Wusste ich nicht. Unser Kleiner schläft im Moment schlecht, ich hab zufällig am Fenster gestanden und ihn getragen. Hab dich dann mit der Taschenlampe gesehen und wollte mal schauen, was du vorhast. Als du die Schritte vom Zaun abgezählt hast, konnte ich mir denken, was du suchst.“
Simones Gesicht brannte vor Scham und sie war froh, dass es so dunkel war.
„Ja, blöde Idee, ich mach das Loch wieder zu und verschwinde dann.“ Sie hielt inne. „Woher weißt du, dass wir hier was vergraben haben?“
„Ich hab euch damals beobachtet“, lachte er vergnügt.
„Du standst wohl damals schon gerne am Fenster“, entfuhr es Simone. Sofort biss sie sich auf die Zunge. Sie war auf fremdes Terrain eingedrungen und hatte keinen Grund, verärgert zu sein. „Entschuldigung.“
„Schon gut. Ich finde deine Aktion ehrlich gesagt gar nicht schlecht. Der Alte geht mir jeden Tag auf den Sack. Ständig beschwert er sich über die Lautstärke unsere Kinder, über den Rauch wenn wir grillen, oder wenn ich die Hecke nicht rechtzeitig stutze. Der Typ ist ein richtiger Spießer. War früher bei der Marine und kann auch jetzt das kommandieren nicht lassen. Wenn du willst, zeig ich dir die Stelle. Ich glaube, ich habe die Linde noch etwas besser in Erinnerung.“

Eine Stunde später saß Simone mit zitternden Beinen und klopfendem Herzen wieder in ihrem Auto. Auf dem Beifahrersitz lag die Holzkiste. Thomas hatte es sichtlich Spaß gemacht, den Garten seines Nachbarn ein wenig zu verwüsten und mit vereinten Kräften hatten sie den Schatz tatsächlich noch gefunden! Simone hätte die Kiste am liebsten sofort geöffnet, aber das schien ihr nicht richtig. Sie wollte es zusammen mit Julia tun, so wie sie es sich versprochen hatten. Sie strich den Rest Erde von ihrem Fund, machte ein Foto und schickte es Julia per Messenger. Als sie losfahren wollte, klopfte Thomas an die Fensterscheibe.
„Hier, meine Handynummer. Grüß Julia schön und sagt Bescheid, wenn ihr mal wieder Detektive spielen wollt. Aber diesmal bin ich Justus.“ Er zwinkerte und verschwand in der Dunkelheit.

Glücklich und zufrieden wie schon lange nicht mehr fuhr sie Richtung Heimat.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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