Waidmannsheil

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Waidmannsheil

Jan Sieger seufzte, als er die Nachricht an seiner Windschutzscheibe sah. Er wusste sofort, von wem sie stammte. Tausendmal hatte er ihr schon gesagt, sie solle ihm per WhatsApp schreiben. Aber Bettina war altmodisch und romantisch zugleich, und bestückte seine Frontscheibe immer wieder mit kleinen Zetteln. Das war viel zu auffällig! Obwohl, irgendwie gefiel es ihm auch. Tina war die sinnlichste und aufregendste Frau, die er kannte. Trotzdem hatte er seit einiger Zeit keine große Lust mehr auf sie. Sicher, der Sex war einzigartig, er hatte nie etwas Vergleichbares erlebt. Aber ihre wechselnden Launen wurden ihm langsam zu viel, und standen nicht mehr im Verhältnis zu ein paar Minuten Ekstase. Außerdem wurde es anstrengend, immer wieder neue Ausreden zu erfinden. Seine Frau war nicht dumm und die Affäre mit Tina ging schon viel zu lange. Irgendwann würde er es beenden. Aber nicht heute. Die Einladung war einfach zu verlockend.

Seit Monaten besaß er einen Schlüssel zu ihrem Haus, das abgeschieden in einem Waldstück vor den Toren der Stadt lag. Wie ihr verstorbener Vater war Bettina passionierte Jägerin. Seit seinem Tod vor einigen Jahren wohnte sie allein in dem einsamen Forsthaus.
„Tina?“ Mit einem Klick öffnete sich die Haustür. „Ich bin da!“
Kein Laut war zu hören.
„Betti, ich bins!“ Wo steckte sie nur? Sonst empfing sie ihn immer strahlend und konnte es kaum abwarten, ihn zu begrüßen. Er holte sein Iphone aus der Tasche und wählte ihre Nummer. Ihr Handy vibrierte blinkend auf der Kommode. Typisch! Langsam wurde er ärgerlich. Sie wusste genau, dass er nicht viel Zeit hatte. In zwei Stunden musste er wieder zu Hause sein. Anja hatte die Nachbarn zum Grillen eingeladen. Zum Warten war er einfach nicht geboren und er hasste nichts mehr, als irgendwo umsonst hingefahren zu sein. Plötzlich hörte er ein Klirren. Es kam aus dem Raum hinter der Küche. Dort befand sich die Garage, die Tina zum Ausweiden ihrer Jagdbeute umfunktioniert hatte.
Da steckte sie also. Hätte er sich auch denken können. Wenn es ging, mied er diesen Raum, die ganzen Messer und die ausgestopften Tiere, die ihn mit leeren Augen anglotzten, widerten ihn an.
„Liebling! Da bist du ja! Ich habe dich gar nicht gehört!“
Jan stockte der Atem. Seine Geliebte stand nackt vor dem Tisch, auf dem ein totes Reh lag. Mit geübten Bewegungen stach sie in den Bauch des Tieres.
„Was machst du da?“
„Ich wollte nur noch schnell das Reh zerkleinern, morgen mache ich Ragout.“ Ihre Hände, Arme und Brüste waren blutbeschmiert.
„Und warum, in aller Welt, machst du das nackt?“
„Du siehst ja, was das für eine Schweinerei ist. So spare ich mir eine Wäsche. Außerdem dachte ich, du magst mich so am liebsten?“ Sie zwinkerte Jan zu und strich sich eine Strähne ihrer roten, langen Mähne aus dem Gesicht.
Jan spürte, wie sich trotz ihres skurrilen Anblicks seine Hose wölbte. Verdammt, sie machte ihn einfach verrückt! Würde Anja so vor ihm stehen, würde er einen Lachanfall nicht vermeiden können. Aber an Tina war einfach alles sexy. Er begehrte diese Frau wie keine andere. Sanft berührte er ihre prallen Brüste, darauf bedacht, die blutigen Stellen auszusparen.
„Komm.“ Sie nahm seine Hand und schubste ihn behutsam auf den Tisch.
„Betti, hier ist alles voller Blut, wir sollten lieber…“
„Psst. Keine Widerrede“. Sie legte ihren schmalen Finger auf seinen Mund und öffnete mit der anderen Hand sein Hemd. Jan stöhnte, als sich ihre Lippen den Weg vom Hals bis zum Bauch bahnten.
„Mach die Augen zu, Liebling.“ Er spürte, wie sie seine Handgelenke mit einem Seil aneinander band und an den Tisch fesselte. Diese Frau war einfach der Hammer!
„Liebst du mich?“ Mit geübtem Griff öffnete sie seinen Gürtel.
„Und wie.“ Jan grunzte selig, als plötzlich ein stechender Schmerz seinen rechten Arm durchfuhr. Es dauerte einen Augenblick, bis er begriff, dass sie ihm ein Messer in den Muskel gerammt hatte. Ungläubig starrte er sie an.
„Was…was soll das? Spinnst du?“
„Du sollst nicht lügen! Ich habe die Nase voll von davon!“ Bettinas Augen blitzten hasserfüllt, ihre Stimme war nicht mehr dieselbe wie noch vor ein paar Sekunden.
„Immer geht es nur um deine scheiß Frau! Anja hier, Anja da. Ich will das nicht mehr!“ Mit voller Wucht rammte sie ihm das Messer in den anderen Arm. Jan schrie vor Schmerz.
„Schrei nur mein Liebster, hier hört dich keiner.“ Sie nahm ein Tranchiermesser vom Tisch und ritzte es in seine Wange. Blut quirlte aus der Wunde.
„Das ist für deine leeren Versprechungen. Deine Worte, die nichts bedeuten. Dafür, dass du mich benutzt und ich dir geglaubt habe.“
„Hör auf, bitte! Ich verspreche dir, ich…!“ Jan begriff, dass sie kurz davor war, den Verstand zu verlieren. Fast ohnmächtig vor Schmerz wand er seinen schweißüberströmten Körper auf dem Tisch und zerrte wie ein Verrückter an den Fesseln. Blitzschnell schlitzte sie seine Brust bis zum Bauchnabel auf. Ein markerschütternder Schrei fuhr aus seiner Kehle.
„Das ist für die einsamen Stunden. Für die Nächte, in denen ich es ohne dich kaum aushalten konnte. Für all die verlorenen Tage, die du mich hast warten lassen!“
Mit einem Schwall entleerte sich Jans Blase. Angewidert blickte sie auf die Pfütze.
„Hast du wirklich geglaubt, du kannst alles haben? Nur weil dich deine Frau zu Tode langweilt, kannst du dich ungestraft bei mir austoben?“
Mit einem Ruck zog sie seine Hose nach unten. Der Stahl in ihrer Hand blitzte. Jan wimmerte und schrie um sein Leben.
„Du hast es gleich geschafft, Liebling. Entspann dich. Ich brauche nur noch ein Andenken!“

Waidmannsdank.

Ⓒ Katrin Seliger

Foto: Pexels

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